Venter Skirunde
Hohe Skidreitausender im Ötztal
30.03. – 03.04.2011

von Markus Tiefenthaler

Eine richtige Skidurchquerung wäre schon länger wieder fällig gewesen, und so meldete ich mich gleich auf der Programmbesprechung für die Venter Skirunde an, als Peter Niederhuber diese Tour für das Frühjahr 2011 anbot. Mal wieder richtig Gletscher, Weite und recht hohe Gipfel, darunter Weißkugel und Wildspitze

Similaun Weg

Similaun auf dem Weg zur Martin-Busch-Hütte

Weiter Weg

1. Tag: Vent - Martin-Busch-Hütte - Similaun - Similaun Hütte
1700 HM

Wie fast immer gab es vor der Abfahrt noch einiges Hin- und Her bei den Teilnehmern, so dass wir dann zuletzt nur mehr 4 Mann waren, die am Mittwoch früh um 6:00 Uhr leicht unausgeschlafen in meinem alten VW-Bus Platz fanden. Das Ötztal zog sich und erst gegen 8:00 Uhr kamen wir im früher gottverlassenen Ort Vent an. Auch heute ist es dort noch etwas stiller als z.B. in Sölden, aber das ist ja auch kein Kunststück. Noch ein letztes Mal die Ausrüstung besprochen und einen VS-Gerätetest gemacht, dann würgerten wir die doch recht umfangreichen Rucksäcke auf den Buckel und zogen los.

Schon am Anfang war erkennbar, dass es auch hier in diesem Jahr extrem wenig Schnee gehabt hatte. Südseitig waren die Hänge bereits bis über 2400m hinauf ausgeapert und auch auf der elend langen Hangquerung zur Martin-Busch-Hütte mussten wir bereits ein paar Mal die Ski abschnallen. Sobald man aber die erste halbe Stunde hinter sich hat, lässt der Blick auf das weite Tal mit dem Similaun im Hintergrund einiges an Mühe vergessen.

Da jeder von uns nicht allzu üppig mit der Zeit war, hatten wir beschlossen, dass wir versuchen würden, einen Tag einzusparen, indem wir am ersten Tag bereits bis zur Similaunhütte aufsteigen wollten. Sollte es sich zeitlich (und konditionell) ausgehen, wollten wir noch auf den Similaun. Immerhin 1700 Höhenmeter und wie wir bereits jetzt sahen, eine weite Strecke. Ab der Buschhütte geht es in sehr mäßiger Steigung immer Richtung Süden auf die Similaunhütte zu, die bereits auf über 3000 Meter liegt. Die sich anfänglich ausbreitenden Quellwolken, welche uns immer wieder die Sicht auf den Similaun versperrt hatten, hatten sich wieder zurückgebildet und wir sahen eine plausible Chance, den Gipfel bei freier Sicht zu erreichen. Also machten wir eine nette Brotzeit vor der Hütte, ließen ein paar Ausrüstungsgegenstände zurück und zogen wieder los.

Similaun Hintere Schwärze

Auf dem Similaun

Über den Marzellferner zur Hinteren Schwärze

Am späten Nachmittag erreichten wir dann im Sonnenschein den Gipfel. Es wird nicht so oft sein, dass man hier oben ganz alleine ist, auf diesem Berg mit dem beeindruckenden Panorama. Im Süden reicht der Blick über den Ortler bis zur Bernina, im Norden ist die Steilflanke der Hinteren Schwärze zu bewundern und im Westen konnten wir unsere Ziele für die nächsten Tage erkennen. Sitzen und schauen, bis das schräge Licht zum Aufbruch mahnte.

Ganz links im Gletscherbecken hatte weder Sonne noch Wind den Schnee angefressen, so dass auch die Abfahrt Genuss bot. Die bereits auf italienischem Gebiet gelegene Hütte war fast leer, so dass wir einen ruhigen Hüttenabend mit baldiger Bettruhe verbrachten. Bereits hier lernten wir den ersten Teil der „Ötztaler Hüttenkönige“ kennen, denn Geschwister aus der Familie Pirpamer führen sowohl die Similaunhütte, als auch das Hochjochhospitz und im Sommer das 3200 Meter hoch gelegene Brandenburger Haus. Nebenbei gehört der Familie auch noch ein Hotel in Vent. Dynastie?

2. Tag: Similaun Hütte - Hauslabjoch - Fineilspitze - Bellavista - Finailköpfe - Bellavista
1600 HM

Engadin Engadin

Ötzidenkmal und Finailspitze

Rückblick Similaun

Am nächsten Morgen war die Sicht etwas diffus, der Wetterbericht hatte eine leichte Störung mit Schneeschauern vorhergesagt. Gemütlich starteten wir gegen 8:00 Uhr und nach einer kurzen Schrägfahrt folgte der Aufstieg zum Hauslabjoch. Ja, richtig, die Ötzi-Fundstelle und natürlich machten auch wir uns so unsere Gedanken, was den Mann damals bewogen hatte, diesen Weg zu gehen, der ihn in den Tod führte. Spaß an der Freud wie bei uns dürfte es kaum gewesen sein.

Das Wetter wurde rasch schlechter, so dass wir nach dem Aufstieg zu Fuß auf die Fineilspitze schnell wieder in die Ski sprangen und die Abfahrt Richtung Bellavista-Hütte antraten. Aber bereits im Latschboden hatten sich die Wolken wieder verzogen und als wir die Hütte erreichten, machte sie ihrem Namen alle Ehre. Ein bisschen in der Sonne faulenzen, die Lager beziehen, und sich wundern über Hoteliglus, Sauna und Liftrummel. Aber bald wurden wir etwas unruhig, das Wetter war einfach zu schön zum Herumsitzen. So nahmen wir unsere sieben oder acht Sachen wieder auf und stiegen erneut aus dem Latschboden auf zwischen steilen Gletscherbrüchen hindurch zum westlicheren der Fineilköpfe. Das Programm war das gleiche wie gestern, Ortler, Ötztaler, Bernina, aber langweilig war es einfach nicht. In einer windgeschützten Mulde sitzen und staunen. Das Schöne an einer solchen Durchquerung ist ja, dass man bei geeigneten Verhältnissen nicht um 13:00 Uhr auf der Hütte sein muss, sondern den späten Nachmittag auf einem Gipfel mitnehmen kann, bevor man zur Hütte abfährt. Und wie! Jeder Meter ein Pulvertraum. Unglaublich wie der Schnee in dem nordseitigen Hang konserviert war.

Die Mischung aus südtiroler und italienischer Küche und Gastlichkeit war sehr fein, wir waren ganz allein im großen Bergsteigerlager, mussten aber am nächsten Tag erkennen, dass das halt auch alles seinen Preis hat. Richtig billig ist so eine Hüttenwoche nicht, es sei denn, man schleppt alles selber mit. Selbst auf die Gefahr hin, gewissen Verdächtigungen im Zusammenhang mit Artikeln aus dem letzten Panorama ausgesetzt zu sein, bin ich immer noch der Meinung, dass es manchen Komfort auf einer Alpenvereinshütte einfach nicht braucht, nicht weil es uns hart macht, sondern weil es vielleicht auch die Natur und unsere (nein, eben nicht nur unsere!) Ressourcen schont.

3. Tag: Bellavista - Im hinteren Eis - Hintereisferner - Weißkugel - Hochjochhospiz
1300HM

Weisskugel Engadin

Über den Hintereisferner zur Weißspitze

Die letzten Meter

In der Nacht zogen ein paar Wolken auf und bescherten uns etwa 10cm Neuschnee. Ideal! Am Morgen erwartete uns bereits wieder ein schöner Sonnenaufgang. Wir hätten nun die Möglichkeit gehabt, mit dem ersten Lift ungefähr 400 Meter einzusparen. Die Bedienung hatte uns versichert, dass „sogar Peter Habeler“ da nicht zu Fuß raufgegangen wäre, aber der ist ja nun auch schon etwas in die Jahre gekommen und so beschlossen wir, dennoch mit den Skiern aufzusteigen. In der Scharte knapp unter dem Hinteren Eis öffnet sich dann der Blick auf den langen Hintereisferner, der direkt zur Weißkugel führt. Teilweise mäßige Abfahrt, aber das muss auch sein, bevor wir wieder die Felle aufzogen und unsere Spur in Richtung Hintereisjoch zogen. Vom Teufelsegg herunter waren ein paar andere Kandidaten gekommen, die kurz vor uns den Gletscherboden erreichten. Auch dieser Übergang kann mit Lifthilfe erreicht werden, so dass die Weißkugel als Tagestour möglich ist.

Nach fast zwei Stunden erst war das Joch erreicht, aber man gewöhnte sich so an den Gehrhythmus, dass die Zeit wie im Flug verging. Und zum Schauen gab es wahrlich genug. Genau vor uns stand zum Beispiel immer die Ostflanke der Weißkugel und die sah so nach einer Abfahrt aus, dass ich immer überlegte, ob das zu machen wäre. Ein längerer Steilhang führte auf den flachen Rücken, der bis kurz vor den Gipfel reicht. Oft ist dieser Hang so abgeblasen, dass hier Steigeisen für den Aufstieg verwendet werden. Noch ein kurzer, luftiger, kombinierter Grat war zu überwinden, bevor wir am Gipfel standen. Max freute sich unbändig über seinen bisher höchsten Gipfel und einen so schönen Berg.

Bei der Abfahrt fuhr ich vorsichtig ein Stück weit in die ca. 45° steile Ostflanke ein, aber der Wind in der Nacht vorher hatte hier gut 20cm plattigen Schnee eingeweht, so dass ich mir sagte „einmal feig ist besser als immer tot“, und wieder den Weg auf den Rücken zurück suchte. Der Schnee war zwar oben kein Traum, kräftige Windgangeln erforderten ein ausgesprochenes Stehvermögen, aber ab dem Hintereisjoch wurde die Abfahrt deutlich besser und es folgten 12 (in Worten: zwölf) km hinaus bis zum Hochjochhospitz im lockeren Gleiten und Schmieren auf dem zunehmend firnigen Schnee.

Eine kleine Fleißaufgabe war dann noch der Aufstieg zum Hochjochhospiz, denn im unteren Teil brach man immer wieder überraschend durch die Schneedecke bis auf die Steine durch, und im oberen Teil lag gar kein Schnee mehr, so dass wir die Ski tragen mussten. Dafür ist das Haus wunderbar hergerichtet. Ewig schade wäre es gewesen, wenn die Hütte verfallen wäre, wie es längere Zeit ausgesehen hat. Hier erfuhren wir auch, dass der sehr freundliche Wirt der Bruder des Similaun-Wirtes war und die auf der Hütte aushelfende Mutter lachte recht, als ich ihr sagte, dass sie da zwei rechtschaffene Söhne hätte. „Bin woll recht zufrieden“ war ihr Kommentar. Hier zeichnete sich bereits das Wochenende ab, denn die Hütte war gut besucht. Aber noch herrschte keine Enge und der Wirt hatte alles im Griff.

4. Tag: Hochjochhospiz - Fluchtkogel - Vernagthütte
1200HM

Weisskugel Engadin

Über den Kesselwandferner

Perfekt

Am nächsten Morgen wieder schönes Wetter und wir machten uns auf den Weg zur insgesamt kürzesten Etappe, ca. 1100 Höhenmeter über den Kesselferner auf den Fluchtkogel. Die Abfahrt war vom Zeitpunkt her fast perfekt, beinah wären wir jedoch zu weit abgefahren, so dass wir wieder etwas aufsteigen mussten. Dennoch waren wir bereits um 12:30 auf der Hütte und das war gut so. Da wir einer weniger als angemeldet waren, bot uns der Wirt an, statt des Lagers ein Vierbett-Zimmer zu nehmen, was wir sofort annahmen. Es war das letzte Zimmer und viele die nach uns kamen, mussten mit dem Winterraum, der abseits in der alten Hütte lag, Vorlieb nehmen. An dem Tag waren gut 180 Leute auf der Hütte. Aber auch hier hatte der Wirt wieder alles im Griff.

Wir verbrachten einen heißen Nachmittag auf der Hüttenterrasse und sahen dem Strom der Ankommenden zu. In der Hütte gab es eine leicht deprimierende Fotostrecke über den Rückgang des Vernagtgletschers. Dieser und der benachbarte Hintereisgletscher zählen zu den am längsten wissenschaftlich erforschten Gletschern der Welt. Auf Bildern aus den letzten 150 Jahren wird deutlich, wie viel die Gletscher an Länge und Mächtigkeit eingebüßt haben. Es ist ja nicht bekannt, wie die Situation ohne das Zutun des Menschen wäre, aber auch ohne dieses Wissen scheint es mir sehr sinnvoll, alles zu tun, um unseren „Fußabdruck“, den wir auf dieser Welt hinterlassen, so klein wie möglich zu halten.

5. Tag: Vernagthütte - Brochkogeljoch - Wildspitze - Mitterkar - Vent
1100HM

Wildspitze

Wildspitze

Am Morgen folgte der zeitigste Aufbruch, denn wir wollten vor dem Pitzexpress den Gipfel der Wildspitze erreichen, und so waren wir „bereits“ um 6:30 als erste in der Spur. In leicht unübersichtlichem Gelände führte der Weg zuerst auf das Brochkogeljoch. Die letzten Meter waren steil und so hart, dass mir das Harscheisen abbrach, so dass ich die letzten Meter zu Fuß zurücklegte. Oben kamen wir in die Sonne und ich musste erkennen, dass es den harten Alpinisten doch noch gibt, denn knapp unter dem Joch stand ein Zelt auf dem Gletscher und eine Seilschaft hatte bereits fast den Ausstieg aus der Nordwand des Hinteren Brochkogels erreicht. Gut sah das nicht aus, der obere Teil war völlig blank.

Nachdem wir unter der Wand durchgequert waren, sahen wir unser heutiges Ziel, die 3768 Meter hohe Wildspitze. Auch hier waren bereits ein paar wenige Leute unterwegs. Die letzten Meter über ein kurzes Felsstück zum Gipfel waren unproblematisch zu gehen und bald standen wir auf dem höchsten Punkt Tirols. Wir hatten die Ski zum Gipfel mitgenommen, um durch die kurze, steile Nordflanke abzufahren, was dann aber wegen der Vereisung kein rechter Spaß war. Nicht lange nachdem wir den Gipfel erreicht hatten, sahen wir wie die Ameisen die Kolonne der Skitourengeher aus dem Pitztaler Gletscherskigebiet sich dem Berg nähern und wir beschlossen daher einen raschen Rückzug. Auch weil der Weg ins Tal noch weit und südseitig war. Vorsichtiges Abfahren im gut 45° steilen Mitterkar war angesagt, denn der Schnee war noch hart und untern lauerten die Felsen. Daher rutschten wir einfach seitlich ab, um leider erst von unten zu erkennen, dass es östlich eine wesentlich günstigere Rinne gegeben hätte. Noch ein langes, breites Kar führte zur Breslauer Hütte wo wir dann Anschluss zum Venter Skigebiet fanden. Ganz von der Hand zu weisen waren die Segnungen der Technik hier nicht, denn begleitet von Krokussen auf den aperen Hängen links und rechts fuhren wir auf dem Kunstschneeband der Piste ab nach Vent. Mit Grauen dachten wir an die Vorstellung, unsere Ski hier fast 800 Meter über die steilen Grashänge hinabtragen zu müssen.

Wildspitze

Auf dem Gipfel der Wildspitze

Summa summarum eine sehr lohnende Unternehmung mit mäßigen technischen Anforderungen. Wir hatten fast perfekte Verhältnisse, auch wenn sehr wenig Schnee lag. Bei schlechter Sicht könnte die Orientierung auf den großen Gletscherflächen eine deutliche Herausforderung darstellen. Sehr zufrieden fuhren wir wieder nach Hause.


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