Skirunde Silvretta
Auf Skihochtour mit der Jugend vom 09.04. - 12.04.15

von Markus Tiefenthaler

Verflixt noch einmal! Es war Ostern und schneite wie verrückt. Die Lawinenlage stieg von 2 über 3 auf 4, die Neuschneemengen in der Silvretta gingen hoch auf über 80cm. Und wir wollten doch in vier Tagen los zu unserer Durchquerung. Gottseidank hatte wer auch immer ein Einsehen mit uns und das Wetter wurde ab Montag schön. Wie das so ist um diese Jahreszeit sank dadurch auch rasch wieder die Lawinenwarnstufe auf einen vernünftigen 2er. Es konnte also losgehen, denn auch die Wetteraussichten waren sehr brauchbar.

Auf einer Reihe von Vorbereitungstouren hatten wir alle fleißig trainiert (auch wenn die Jungs das nicht wirklich nötig hatten) und so ging es mit hochgespannten Erwartungen in das Engadin. Geplant war, über die Tuoi-Hütte in die Silvretta einzusteigen. Die Hütte ist schön und nicht ganz so „riesig“ wie die anderen Silvretta-Hütten und vor allem für uns aus dem Südosten am einfachsten zu erreichen.

Silvretta Silvretta

Matthias übertreibt

Erster Blick: Piz Buin

Angekommen in Guarda wurde zuerst das extra vorher besorgte Kleingeld im Parkautomaten versenkt. Der schluckte nur Münzen, das könnte schon ein ernst zu nehmendes Problem darstellen, wenn man nicht darauf vorbereitet wäre. War ich aber, denn noch hatte ich es bestens in Erinnerung wie wir vor einigen Jahren in dem ausgestorbenen Ort verzweifelt nach Menschen gesucht hatten, die uns 20 Franken in Kleingeld wechseln konnten. Ich vermute mal, dass die Schweizer Behörden für die „Ausrede“, dass wir kein Kleingeld gehabt hätten, eher wenig Verständnis aufgebracht hätten.

Dann wurden die satten Hochtourenrucksäcke samt Ski geschultert und durch blühende Krokus ging es dem Schnee entgegen. Der ließ sich zwar etwas betteln, aber dann war er da und wir konnten zumindest die Ski vom Rucksack nehmen und im gewohnten Schritt in das Tuoi-Tal hineingleiten. Es war dann schon wieder ein Erlebnis, als der mächtige Felsklotz des Piz Buin am Ende des Tales auftauchte. Das sollte ein Skiberg sein? Ich denke, die Jungs kümmerte das wenig. Irgendwie geht es da schon rauf, der Maxl hat das schließlich versprochen. 3 Stunden dauerte der Zustieg zur Hütte, dann war die Sonnenterasse erreicht. Die Rucksäcke wurden von Unnöti-gem befreit und wir gingen nach kurzer Pause noch etwas weiter zur Verbesserung der Akklimatisation. In östlicher Richtung stiegen wir auf zur Furcletta. Die Sonne brannte, der Schweiß floss und brannte auch schön vermischt mit Sonnencreme in den Augen. Einige kurze, steile Kehren führten uns an den Gratan-satz zum Piz da las Clavigliadas. Von dort führte eine schöne Rinne noch mit Pulver und bald anschließenden Firnhängen zur Hütte zurück. Die Vorfreude auf die nächsten Tage stieg nach diesem verheißungsvollen Auftakt.

Die Tuoi-Hütte wird von echten Idealisten betrieben. Ein junges Paar fertigt vieles auf der Hütte selber (Brot zum Beispiel) und versucht, im besten Sinne ökologisch zu wirtschaften auf der Hütte. Das Essen war hervorragend und bereits hier wurde der Standardspruch der Jungs geprägt: „Gibt es Nachschlag?“ Es gab, und zwar so reichlich, dass keiner ungesättigt vom Tisch aufstehen musste.

Silvretta Silvretta

Rast

Früher Aufbruch

Am nächsten Tag stand bereits der Piz Buin auf dem Programm, daher gingen wir zeitig zu Bett, denn ein früher Aufbruch war ratsam. Wir wollten vor dem Ansturm aus der großen Wiesbadener Hütte das Skidepot erreicht haben. Daher ging es am nächsten Tag auch im ersten Morgenlicht los unterhalb des mächtigen Piz Fliana über das Plan Rai zur Fuorcla dal Cunfin. Die ersten gut 400 Höhenmeter waren steil und anstrengend im morgendlichen Harsch, aber dann nahm uns die Weite des Gletscherbeckens auf und die Jungs bekamen einen ersten Eindruck von den Dimensionen. Wunderbares Gleiten über eine tragfähige Harschschicht, dann eine kurze, steile Abfahrt von der Scharte und schon war das Skidepot erreicht. Und es waren erst wenige Anwärter vor uns angekommen. Die Steigeisen angezogen und den Pickel in die Hand, das Seil noch auf den Rücken gebunden, so starteten wir zum Gipfel. Nach wenigen Metern Querung erreichten wir die Rippe an der der Aufstieg in ganz netter Ausgesetztheit verläuft. Aber die Verhältnisse waren gut, kaum Blankeis, trockener Fels und guter Trittschnee. So waren wir sehr rasch über dieses Hindernis hinweg ohne das Seil gebraucht zu haben. Den Gipfel hatten wir dann fast alleine für uns und wir freuten uns alle sehr über ein endloses Meer an Gipfeln und Möglichkeiten?

Silvretta Silvretta

Endlich in der Sonne

Auf dem Piz Buin

Im Abstieg haben wir dann doch für eine kurze, eisige Stelle das Seil verwendet, wäre ja dumm, wenn man es schon mitgeschleppt hat. Einige entgegenkommende Gruppen stiegen am laufenden Seil auf und demonstrierten uns, wie man es wohl eher nicht machen sollte. So waren wir froh, auch rasch wieder dem zunehmenden Gedränge zu entkommen. Über eher sehr gemischten Schnee fuhren wir ein Stück über den Ochsentaler Gletscher ab Richtung Wiesbadener Hütte, aber noch hatten wir „den Hals noch nicht voll“. So stiegen wir nach einer ausgiebigen Rast mit Blick auf den Buin erneut auf in Richtung Silvrettahorn. Im Schatten des bekannten Nachbarn wird der formschöne Gipfel deutlich seltener bestiegen. Dies hatte aber den Vorteil für uns, dass hier keine Platzkarten verteilt wurden. Im Gegensatz dazu war nun die große Kolonne von der Wiesbadener Hütte am Buin angekommen und wir konnten uns lebhaft das Gedränge im Auf- und Abstieg vorstellen. Auch am Silvrettahorn mussten die letzten Meter zu Fuß zurückgelegt werden, hier ging es aber nur über Schnee, auch wenn die Flanke nicht ganz flach war. Wieder ein schöner Dreitausender in der Sammlung. Die Abfahrt war dann nur mäßig begeisternd, auf der Nordseite war der Schnee noch nicht firnig, sondern in der aufkommenden Kühle des Abends nur verharscht und ruppig. Egal, runter mussten wir ja irgendwie und Hauptsache auf der Hütte würde es einen Nachschlag geben. Der musste dann noch durch den beliebten Gegenanstieg auf die Hütte hart verdient werden.

Silvretta Silvretta

Kurz gesichert

Der Express rollt Richtung Dreiländespitze

Auf der Hütte selber gab es die schlechtesten Matratzen seit langem, aber den jungen Rücken meiner Begleiter schadete das nicht. Auch hier wieder früh auf und den Weg zur Dreiländerspitze angetreten. Die große Karawane bog bald nach Westen ab in Richtung Buin, aber es verblieben immer noch reichlich Bergfreunde auf unserer Spur. Während einer kurzen Umkleidepause meinerseits war die Kolonne mit den Jungs an mir vorbei gezogen und „Hurra die Gams“ Richtung Gipfel gespurt. Immer schneller wurde das Tempo, ich hatte keine Chance mehr zum Überholen und so erreichten wir als erste Gruppe das Skidepot zur Dreiländerspitze. Auch hier führte ein kleiner, ausgesetzter Felsgrat zum Gipfel, das Seil brauchten wir diesmal aber nicht vom Rücken zu nehmen. Ganz die ersten waren wir nicht am Gipfel stellte sich heraus, denn ein junger Schweizer vom Personal der Tuoi-Hütte stand bereits oben, als wir kamen. Er hatte die Ski mit zum Gipfel genommen und fuhr dann in eine beeindruckend steile Rinne ein. Auch nicht schlecht. Vor den Tagesgästen war er sicher wieder auf der Hütte um seinen Verpflichtungen nachzukommen. Die letzten Meter im Abstieg mussten wir dann mehrfach das Seil einer 9-köpfigen Gruppe von Franzosen kreuzen, die alle hintereinander her den Grat hochmarschierten. Waren wir froh, dass wir so zeitig dran gewesen waren.

Silvretta Silvretta

Abstieg Dreiländerspitze

Jakob hinter der Hinteren Jamspitze

Nach einer kurzen Abfahrt zur Ochsenscharte querten wir möglichst hoch auf dem westlichsten Ast des Jamtalferners in eine Scharte westlich der Vorderen Jamspitze. Hier machte sich der Gletscherrückgang schon unangenehm bemerkbar, denn es fehlten nun einfach 50 Höhenmeter Eis, die in unangenehmem Gelände erstiegen werden mussten. Rast in einer Windkuhle unter der Vorderen Jamspitze, die Sonne schien uns ins Gesicht und das Leben war wunderbar. Nach einer kurzen Steilrinne versicherte ich den Gipfelgrat zur Vorderen Jamspitze mit einem Fixseil, denn die Sache schaute recht imposant aus, und nach der Reihe kletterten wir alle auf den kleinen Gipfel. Auch hier begegnete uns im Abstieg eine andere Gruppe, aber das waren andere Kaliber, Männer von der Tiroler Bergrettung. Einer bat mich, ihn mit dem Seil in die Nordflanke des Berges in eine Rinne abzulassen, die er sich für die Abfahrt ausgesucht hatte. 50 Meter unter mir zog er die Ski an, hängte sich im steilen Gelände aus dem Seil und verschwand in dem Coloir. Durchaus erleichtert sahen wir ihn dann 200 Höhenmeter tiefer wieder in den freien Hang ausfahren. Die Zahl an Alpinisten, die solche Abfahrten unter die Ski nehmen, schien sich deutlich erhöht zu haben. Wir gaben uns dann mit dem Aufstieg zur Hinteren Jamspitze und der direkten Abfahrt zur Jamhütte zufrieden. Hier war auch der Schnee noch recht brauchbar und so ging ein weiterer runder Tag seinem Ende entgegen. Natürlich gab es Nachschlag. Wir waren hintereinander in der Küche aufmarschiert und der Koch schnitt große Scheiben vom Surbraten ab. Aber auch Jakobs Augen wurden immer größer, je kleiner der Braten wurde und als das letzte Stück auf dem Teller seines Vordermannes verschwanden, standen deutliche Sorgenfalten in seinem Gesicht. Diese glätteten sich aber schnell wieder, als der Koch aus der Tiefe des Topfes einen neuen Braten zu Tage förderte und sein Werk fortsetzte. Der Tag war gerettet. Zum Abschluss mussten wir ja wieder zurück auf die Südseite der Silvretta. Vor einigen Jahren waren wir dabei in den steilen Südhängen in sehr unangenehmen Schnee geraten und heilfroh gewesen, keine Lawine ausgelöst zu haben. So betrachtete ich mit einiger Sorge die aufziehenden Wolken, welche die Abstrahlung und damit die Verfestigung der Schneedecke verhindern konnten. Aber noch bevor wir in die (heute wieder guten) Lager krochen, strahlten die Sterne wieder vom Himmel. Glück gehabt.

Silvretta Silvretta

Riesen Wechte an der Fuorcola Chalaus

Fuorcola Urschai

Lang und schattig zog sich der Weg hinauf zur Fuorcola Chalaus, um so schöner war es, dort in die Sonne zu treten. Immer wieder ein Naturwunder ist die hier ansetzende fast einen Kilometer lange und bis zu 80 Meter hohe Wechte, die jedes Jahr entsteht. Nur ganz oben und ganz am Ende kann man sie überqueren. Noch hatten wir nicht genug Gipfel gesammelt und so zogen wir unsere Spur nach Osten zum Augstenberg und dann nach einer schönen Abfahrt über den Urezzas-Gletscher und die gleichnamige Scharte auf den Piz Urezzas. Unser letzter Dreitausender in der Sammlung. Der früher übliche Übergang über das Jamjoch ist durch den Gletscherrückgang nicht mehr möglich, aber zum Glück gibt es zwischen Piz Urezzas und Jamspitze einen Durchschlupf, den wir benutzten, um über herrliche Firnhänge hinabzufahren zur Tuoi-Hütte. Der Kreis hatte sich geschlossen und es blieb nur noch die lästige Schieberei aus dem Tal mit dem abschließenden Abstieg durch die Krokuswiesen. Vier Tage waren vergangen wie im Flug.

Silvretta Silvretta

Wer kann es besser

Silvretta

Abschied in Guarda


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