Der Traum vom ersten Sechstausender
von Robert Halisch

Die Träumer:

DAV-Sektion Bergbund Rosenheim

 

Norbert Wich und ich waren bereits zweimal in Peru. Beide Reisen liefen nach dem Schema Akklimatisierung, lange Trekkingtour, anschließend 1 – 2 Gipfel ab. Nach den langen Überlegungen zu einer neuen Fahrt in die Cordillera Blanca für Juni 2004, fassten wir den Entschluss, eine Reise nach dem Prinzip "Gipfel intensiv" durchzuführen. Es sollten in 4 Wochen drei 5000er und ein 6000er bestiegen werden. Die Vorbereitungsphase verging wie im Flug und auch unser dritter Mann war mit Rudi Vollendorf schnell gefunden, so dass wir uns voller Erwartungen und Hoffnungen am 28.05.2004 um 6.00 Uhr am Münchner Flughafen einfanden. Mit IBERIA flogen wir zuerst von München nach Madrid und anschließend weiter nach Lima. Reine Flugzeit 14 Stunden für 12000 km. In Lima wurden wir von unserem Organisator bzw. Manager Edagar abgeholt und in ein erstklassiges Hotel gebracht, was wir rein hygienisch gesehen auch benötigten. Am nächsten Morgen hatten wir vor Abfahrt des Reisebusses nach Huaraz noch etwas Zeit, um uns die Beine in Lima zu vertreten.

In Lima

Lima

Mit einem Doppeldecker (wir genossen die vorderen 4 Sitze oben!) fuhren wir dann in 8 Std. die kurvenreiche Passstrecke nach Huaraz, der Hauptstadt des Bezirks Ancash. Die Passhöhen sind über 4000m hoch. Huaraz selbst liegt auf 3100m, so dass bereits im Hotel die Akklimatisation begann.

 

Maparaju

Eine kleine Eingehtour auf 4000m am nächsten Morgen und bereits am 2. Tag in der Cordillera machten wir uns auf den Weg zu unserem ersten Berg, dem Maparaju 5320m. Zur Eingewöhnung stiegen wir noch zur Laguna Churup 4450m auf, um unser Camp anschließend auf 3850m zu errichten. Nach einem weiteren Tagesmarsch erreichten wir unser Basecamp in 4200m Höhe. Absolut lobend muss hier unser Koch erwähnt werden, der uns rundum zuverlässig versorgte. Um 2.00 Uhr aufstehen... Mit Stirnlampen suchten wir uns den Weg durch die nicht enden wollende Geröllflanke. Beim ersten Tageslicht erreichten wir die Gletscherzunge, schnell anseilen, Steigeisen ran und auf ging's Richtung Gipfel. Gegen 10.00 Uhr standen wir auf dem Maparaju und sahen staunend zum Cayesh hinüber, einem der schwierigsten Berge der Cordillerra Blanca. Lange konnten wir uns allerdings nicht aufhalten, da ein extremer Wind, der ganze Eisplatten durch die Luft wirbelte, uns zum baldigen Aufbruch zwang. Erschöpft aber glücklich erreichten wir unser Basecamp, wo wir bereits mit einer heißen Suppe erwartet wurden.

Cayesh

Blick vom Maparaju auf den
schwierigen Cayesh

 

Valunaraju

Ein anstrengender Rückmarsch durch eines der schönsten Täler dieser Welt brachte uns der Ruhezeit im Hotel San Sebastian näher.
Da wir uns sehr gut fühlten, brachen wir schon nach einem Ruhetag zum Valunaraju 5685m auf. Bereits die Anreise war abenteuerlich. Mehrmals mussten wir anhalten um die - ja Straße, zuzuschaufeln. Unterwegs waren wir mit einem Toyota-Bus mit Allradantrieb der aus dem letzten Loch pfiff. Vom idyllisch gelegenen Basecamp stiegen wir steil die Südflanke des Valunaraju zum Hochlager auf 5000m auf. Zum Abendessen gab es dann noch Schneeflocken und der Gipfelsieg schien in weite Ferne zu rücken. Die kleinen Panikattacken beim Einschlafen (man meint, man bekommt keine Luft mehr) erinnerten uns an die noch kurze Akklimatisationszeit. Als wir aufbrachen war es sternenklar und bei strahlendem Sonnenschein erreichten wir die Westschulter auf 5350m. Die folgende Eis- oder Firnwand, sowie der anschließende Südgrat (später erfuhren wir, dass 2 Tage nach uns ein Holländer vom Grat die 1000m hohe Ostwand hinunter gestürzt ist) bereiteten uns keine Probleme und so standen wir bereits um 9.00 Uhr auf dem Gipfel. Eine fantastische Rundumsicht belohnte uns für die Strapazen. Bereits wenige Stunden später ließen wir uns von unserem Koch verwöhnen und träumten von einem kühlen Bier im Tambo. Nach der Rückkehr gönnten wir uns zwei Ruhetage im San Sebastian, sortierten und pflegten die Ausrüstung, und ließen es uns so richtig gut gehen.

Vulnaraju

Fantastische Sicht vom Gipfel des Vulnaraju


Tocllaraju

Das nächste Ziel - der Tocllaraju

 

Tocllaraju

Voller Anspannung und Erwartung brachen wir am 9. Juni 2004 zum Tocllaraju 6032m auf. Vor 2 Jahren mussten wir wegen eines Schlechtwettereinbruchs fluchtartig das Hochlager verlassen. Nun wollten wir es erneut versuchen. Beim Abmarsch Richtung Basislager im Ishinca-Tal war der Wettergott noch auf unserer Seite. Während des Aufstiegs durch eine urwaldähnliche Landschaft verschlechterte sich das Wetter jedoch zusehends und kurz vor Erreichen des Basislagers begann es zu schneien. Erinnerungen an 2002 wurden wach. Aber unsere Begleiter waren voller Zuversicht und prophezeiten besseres Wetter. Am nächsten morgen schien tatsächlich die Sonne, aber leider blies ein eiskalter stürmischer Wind. Um 10.00 Uhr begannen wir mit dem Aufstieg ins Hochlager auf 5300m. Bereits um 15.00 Uhr standen die Zelte, noch ein bisschen rumtrödeln, Abendessen und nach ein paar Einschlafversuchen wurden wir gegen 3.00 Uhr aus den Schlafsäcken gescheucht. Durch 30cm Neuschnee legten wir eine Spur über die Westseite Richtung Nordgrat. Als wir endlich auf dem Nordgrat unterwegs waren, versuchte der Gott des Windes uns vom Berg zu blasen und kurz vor dem Gip-fel kam auch noch dichter Nebel auf. So war’s nichts mit der Fernsicht auf dem Tocllaraju, aber wir freuten uns trotzdem, endlich auf unserem ersten 6000er zu stehen. Allerdings gestaltete sich der Abstieg noch etwas schwierig, da die Sichtweite bei ca. 50m lag und wir etliche Probleme hatten, die beim Aufstieg eingerichteten Abseilstellen zu finden. Überaus glücklich über unseren Erfolg erreichten wir schließlich das Hochlager wo uns unser Koch mit einer dampfenden Suppe erwartete. Zwei Tage später konnten wir unsere Wunden (angefrorene Nase, Durchfall etc.) im Hotel mit Hilfe des überaus freundlichen Personals auskurieren.

Aufstieg

Im Aufstieg zum Tocllaraju

Abseilen

Abseilstelle


 

Bonuspack

Wir fühlten uns ausgebrannten und hatten keine Lust mehr auf eine große Bergtour. So verbrachten wir drei Tage in Huaraz mit faulenzen, Shopping, Marktbesuchen und den üblichen Aktivitäten in so einer Stadt.
Aber dann wollten wir doch noch was reißen. Bernhard und Rudi machten sich auf den Weg um den Nevado Pisco 5752m zu besteigen, während ich mit meinem peruanischen Freund Cäsar Ramos Rocca versuchen wollte, den Contrahierbas Este 5480m über seine Westflanke zu besteigen. Es war einer der schönsten Tage in meinem Leben. Über steile Eiswände und einen kombinierten Eis/Felsgrat erreichten wir bei absolutem Kaiserwetter den äußerst schmalen Gipfel. Dort erzählte mir Cäsar, dies wäre die fünfte Begehung und die erste ausländische überhaupt. Meine Freude war natürlich umso größer.
Im selben Augenblick standen Bernhard und Rudi in rund 20km Entfernung auf dem Gipfel des Nevado Pisco. Beide erlebten ebenfalls einen traumhaften Tag in der Cordillera Blanca.

Contrahierbas Este

Aufstieg zum Contrahierbas Este

Contrahierbas Este

Aufstieg zum Contrahierbas Este


Fazit

Nach der Rückkehr ins Hotel San Sebastian perfektionierten wir die Kunst des Müßiggangs. Zwei Tage vor Abflug konnten wir uns gerade noch aufraffen um die Ausgrabungsstätten von Chavin zu besuchen. Die Führer dort hatten anscheinend keine große Lust auf Touristen (wir waren die einzigen) und ließen uns völlig ungestört in dem riesigen Areal herumstöbern. Der Tag endete mit einem kapitalen Absturz im besten Restaurant in Chavin.
Die Rückreise nach Lima, sowie der Flug nach Madrid und München verliefen unspektakulär, so dass wir überglücklich am 26.06.04 wieder in München ankamen.

 

Zurück aus einem 3.Welt-Land, zurück aus Armut, Hunger, Dreck, und Hoffnungslosigkeit, zurück in die Zivilisation, Essen, Wasser . . . Wenn ich mich jetzt arm fühle, was gehörte mir dann für diesen einen Monat?


Cordillera Blanca

Cordillera Blanca


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