Berg
Blumenvariationen

von Maria Brunheim

Mehr oder weniger direkt hat mein Bericht diesmal mit Bergblumen zu tun. Auch Männer dürfen das lesen, denn manche Bergsteiger freuen sich an den Blumen im felsigen Gelände, auch wenn sie nicht lange bei ihnen verweilen.

Ein Erlebnis was mich verwundert und zunächst irritiert hat: ich bin ein Landschaftstyp, gehe nicht in erster Linie bergsteigen um Gipfel zu sammeln, sondern um mich immer wieder an der umgebenden Natur und Landschaft zu erfreuen. Natürlich auch an Flora und Fauna um uns herum.

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Gelber Enzian (Gentiana lutea)

Krainer Greiskraut (Senecio Incanus)

Vor ein paar Jahren waren Klaus und ich mit 2 Begleitern zum Brandenburger Haus aufgestiegen (Ötztaler, ca. 3200m). Über den Gletscher gingen wir mit Steigeisen und Pickel, obwohl es nicht heikel aussah. Der letzte Anstieg durch Steine und Fels zum Haus freute mich besonders, weil zwischen den braun-grau melierten Steinen die weiß-gelben Blüten des Gletscherhahnenfußes leuchteten. Die einzigen Blüten weit und breit, so frisch und sauber wie der Schnee ringsherum und fast so leuchtend wie die Sonne am blauen Himmel. Nachdem das Gepäck von den Schultern genommen war, schauten wir uns um. Ich konnte mich nicht satt sehen an den herrlich geschwungenen Linien und weichen Flächen, die der Schnee überall gezaubert hatte – im Kontrast zum dunklen Fels dazwischen. So ein wundervoller Anblick, immer wieder und wohin wir auch schauten! Ich war glücklich dass ich diese Schönheit sehen konnte und dass wir 2 Nächte dort bleiben und das bewegte, reine Weiß ausgiebig genießen würden (natürlich mit Steigeisen und Gipfel besteigend). Ein ganzer Tag auf Gletschern und Gipfeln, dann die 2. Nacht und der 2. Morgen. Und ich sehnte mich nach Wiesen mit Blumen und Wasserläufen! Kann das sein: gestern noch glücklich über das herrliche Weiß überall und heute schon satt davon? Wir wollten ja noch auf den Fluchtkogel (3500m)! Ich war ganz lustlos, dort nach oben zu stapfen, und entsprechend zog sich der Anstieg hin. Oben war es natürlich schön, gute Sicht und viele Leute. Doch es machte mich nicht mehr an. Es war wie eine Pflichtübung…

Der Abstieg lockte mich mehr, denn jetzt war es absehbar dass wir in einigen Stunden wieder im grasigen Gelände sein würden. Dort haben wir dann Mittagspause gemacht, an einem kleinen Bach, der sich gemütlich durch flache Blumenwiesen schlängelt.

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Klebrige Schlüsselblume (Primula glutinosa), im Volksmund Echter Speick genannt

Stängelloser Enzian (Gentiana acaulis)

Ist es wirklich wahr dass Freude und „Heimweh“ so nah beinander sind? Ja. Es ist wahr, es kann so sein. Und doch überrascht es mich immer wieder. Ich habe so viele Lieblingsblumen dass es keinen Sinn macht, sie aufzuzählen. Am aller- aller liebsten sind mir diejenigen Blumen, die dicht an Steine geschmiegt in den hohen Lagen jedem Wetter widerstehen und für kurze Zeit Farbtupfer zwischen das Gestein bringen. Und auch diejenigen Blumen, die in Felsritzen wachsen, wo man mit bloßem Auge keinen Krümel Humus entdecken kann.

Ich bin jedes Mal wieder so berührt vom Anblick dieser Harmonie: Blumen und Gestein oder Fels, dass ich oft verweile und diese mir so lieben, oft winzigen Blumen anschaue. Manchmal auch fotografiere. Gelegentlich sowohl als auch. Denn ich merke dass wenn ich in erster Linie fotografiere, ich mir kaum richtig Zeit nehme um die Blumen, die gerade in meiner Nähe sind, freundlich und dankbar für ihr Dasein zu betrachten. Beim Fotografieren ist man meist schnell fertig, ein paar Mal knips und weiter geht’s.

Eins vom Liebsten ist mir beim Bergsteigen, wenn wir an sonnig-felsigen Hängen unterwegs sind, wo Thymian mit seinen kleinen Blättchen und feinen, holzigen Stängeln mit rosavioletten Blütchen viele Steine mehr oder weniger überwächst. Sobald man mit dem Schuh so ein Thymianpolster streift, breitet sich der würzige, himmlische Duft aus und steigt mir in die Nase. Dann atme ich tief ein und bin selig, dass es so etwas Kostbares gibt in meinem Leben.

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Weißer Alpenmohn (Papaver burseri)

Zwerg-Alpenrose (Rhodothamnus chamaecistus)

Ein besonderes Erlebnis war heuer eine mehrtägige Tour im Nationalpark Berchtesgaden, zwischen Hochgschirr/Kahlersberg und Kleinem Teufelshorn. Sonst sind wir immer und nur im Herbst dort, wenn keine Schiffe mehr zum Obersee fahren und das Gebiet von weniger Menschen aufgesucht wird. Diesmal waren wir im Juli dort, als die ausdauernde Hitzewelle war. Ich hatte vor der Tour Bedenken wie ich solche heißen Tage bergsteigend ertragen würde. Denn Hitze macht mich kraftlos und strengt mich an, sodass ich keine anspruchsvollen Bergtouren machen kann.

Die Hitze war tatsächlich die eigentliche Herausforderung in diesen Tagen, und wir haben unsere Ambitionen heruntergeschraubt. Ein ausserordentlich heftiges Gewitter am Abend mit ohrenbetäubendem Donnerkrachen und großen Wassermassen beeindruckte uns sehr - zum Glück blieben wir einigermaßen trocken. Wenn auch die Anstrengung der Hitze diese Tour kennzeichnete, so gab es doch sehr beglückende Anblicke – ich wusste gar nicht dass es wirklich und wahrhaftig noch solche farbenfrohen, üppig blühenden Wiesen gibt wie im Landtal! Ich hatte geglaubt das sei ganz und gar vorbei, heutzutage. Als ich Kind war, vor mehr als 50 Jahren, hatte ich solche Blumenwiesen in meiner direkten Umgebung, bei Bayerisch-Gmain. Schon damals waren sie mir so kostbar. Und jetzt, im Landtal, konnte ich endlich dieses wieder sehen: je nach Gelände waren die Blumenmischungen unterschiedlich, keine Wiese war gleich wie die nächste. In der einen Wiese überwogen gelbe Blumen, und das Gelb war in allen Nuancen zu sehen: von zartem creme-Gelb über Zitronengelb bis zu sattem Goldgelb und Gelborange. Dazwischen ein paar einzelne rosarote, weiße und einige blauviolette Tupfer. Eine andere Wiese bestand aus überwiegend weißlichen Blumen, mit lockeren, schirmartigen Blütenständen. Die Weißtöne auch unterschiedlich, von reinem Weiß über gelblichweiß und grauweiß zu zartrosaweiß. Dazwischen einige blaue und pinkfarbene Tupfer sowie mehrere gelbe Blüten. Die nächste Wiese war voller überwiegend rosaroten Blüten, auch magentafarbene und dazwischen ein paar blaue, violettblaue und verschieden gelbe sowie reinweiße Tupfer.

Ganz selten sah ich auch ein paar rote Blüten, eher orangerot als reines Rot. Orange Blüten gab es überall dazwischen, nie sehr viele an einer Stelle, doch gut verteilt in jeder Wiese. Was mich zunächst einfach verwunderte war wie gesagt, dass keine Wiese wie die andere aussah. Das liegt natürlich am Untergrund, an der Neigung des Geländes, an der Exposition zur Sonne und an der unterschiedlichen Verfügbarkeit von Wasser. Schön war das alles auch deshalb, weil die Wiesen „unbenutzt“ aussahen, nicht zertrampelt und auch nicht von Regengüssen platt gedrückt. Fotos von Blumenwiesen habe ich nur sehr wenige, und keine vom Landtal. Fotos von Blumenwiesen bringen selten den Eindruck rüber wie er einem vor Ort begegnet ist, deshalb habe ich es aufgegeben, solche Wiesen zu fotografieren. Zuletzt noch eine Bergblumenvariante vom Herbst, als die Silberdisteln reif waren und ihre feinen, schimmernden Samensterne locker und luftig um die Blüte herum im Gras schwebten. Einen weißen Seidelbast habe ich nur einmal in meinem Leben gesehen. Ebenso wie die Blumen selbst erfreuen uns die Schmetterlinge und Insekten, die wir an den Blüten bemerken. Dies allerdings ist ein anderes Thema.

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Silberdistel (Carlina acaulis)

Gewöhnlicher Seidelbast (Daphne mezereum), weiße Mutation

Blumige Grüße und einen herrlichen Winter allen die hier lesen!
Maria Brunheim und Klaus Mieslinger

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