Aller guten Dinge - bisher nur zwei
Mit dem Mountainbike in den Karnischen
20.06. – 23.06.2013

von Markus Tiefenthaler

Relativ lange ist es schon her, dass ich über die Relativität der Befahrbarkeit sinnierte im Bericht über den ersten Teil der Mountainbike-Tour in den Karnischen Alpen. Immerhin sechs Jahre sind seither vergangen. Jetzt aber wurde es allerhöchste Zeit für ein Wiedersehen mit einer wunderschönen Gebirgsgruppe. Und wieder war Robert Hirzinger zur Stelle, der mit seinen reichen Erfahrungen die entscheidenden Hinweise zur Tourenplanung gab. Weil wir ja alle nicht jünger werden. wurden diesmal auch da oder dort ein paar Höhenmeter gespart und wir hatten vier Tage zur Verfügung, so dass dennoch eine ansehnliche Runde mit 6600 Höhenmetern und 190 km dabei herauskam. Weil der „Rest“ der Karnischen Alpen nicht ganz genügend schien, führte uns eine Schleife bis ins Montasch und auf den Dreiländergipfel an der Grenze zwischen Österreich, Italien und Slowenien.

Karnische Karnische

Rattendorfer Almen

Abfahrt Ratendorfer Sattel

Der erste Tag startete eher gemütlich nach der Autofahrt in Möderndorf, allerdings waren auch 1200 Höhenmeter in einem Rutsch zu bewältigen. Zuerst radelten wir einige Kilometer entlang der Gail zurück nach Norden bis es in Rattendorf dann zur Sache ging. Ganz schloss sich der Kreis nicht, denn vor 6 Jahren hatten wir über das Kronhofer Törl die Karnischen verlassen, aber die Kunst ist eben auch, eine machbare Runde zu finden. So also der Start ab hier zum Rattendorfer Sattel über die Rattendorfer Alm. Bis dorthin war die Auffahrt überwiegend in einem engen, waldigen Bachtal erfolgt, erst hier weitete sich der Blick über schönes Almgelände und Almdörfer mit dem ehemaligen Zollwachthaus bis zum Sattel. Ein kurzes Stück zum Sattel war noch fahrbar, dann aber hieß es einige Meter schieben bis zur Grenze. Die Versorgungslage war schlecht gewesen bis hierher, eine einzige bewirtschaftete Alm sollte erst am nächsten Wochenende den Betrieb aufnehmen. So mussten wir uns mit Wasser und der mitgenommenen Brotzeit begnügen.

Reichlich Schweiß floss in der dunstigen, schwülen Luft, doch nun sollte ein schöner Trail einige Meter nach unten den Anschluss zur Fahrstraße für unser Tagesziel, der Malga Cason di Lanza bilden. War auch so und bald wartete ich befriedigt am Beginn der Straße auf den Rest der Gruppe. Wie gesagt, die Relativität. Sie hatte gleich ein erstes Opfer gefordert, Markus hatte sich entschlossen, sein Rad über den Lenker zu verlassen. Gottseidank, viel war nicht passiert.

Karnische Karnische

Wer war mehr kaputt? Radl oder Rainer

Gruppe Laubfrosch

Also wieder los auf der Straße. Kaum 50 Meter weit gekommen hinter mir ein Scheppern und Rumpeln, das gar nichts Gutes verhieß. Rainer wollte anscheinend Markus nicht nachstehen und hatte ebenfalls eine Purzelbaum über den Lenker geschlagen. In dem losen Schotter war das einfach blitzschnell geschehen. Hier fehlte es allerdings weiter und es ist nur Rainers Zähigkeit zu verdanken, dass er die restlichen Tage ausgehalten hat. Ich aber dachte mir, dass das nun wirklich für den Rest der Tour reichen sollte. Bis auf 4 Platten von - ja, auch wieder Rainer und einer von Lisa verlief es dann zum Glück unfallfrei.

So kamen wir etwas verspätet und sehr vorsichtig dennoch bereits um 15 Uhr auf der Malga an. Ich war ja gespannt, denn am Telefon hatte mein Partner in unserem Gemisch aus Deutsch und Italienisch (jeweils schlecht) nur sehr kurz gesagt, dass die Reservierung OK sei und weder Name noch Telefon oder sonst was verlangt. Aber siehe da, alles war geregelt und wir wurden bereits erwartet. Sofort lief der Almbauer um den großen Holzofen zu schüren, damit wir warmes Wasser für die Dusche hätten. Ein erster Cappuccino, dazu Kuchen, und im Freien auf der Hüttenbank sitzend genossen wir den Rest des Tages. Wer den ungeduschten Zustand nicht lange genug aushielt wurde mit kaltem Wasser verwöhnt, wer hier härter im Nehmen war, hatte es perfekt temperiert in den neu hergerichteten Quartieren der Alm unter dem Stalldach. Zum Abendessen gab es dann drei Gänge richtig fein. Wir waren die einzigen Gäste. Auch das Frühstück hielt den Ansprüchen eines Radlfahrers stand und um acht Uhr versammelten wir uns vor der Hütte zur Abfahrt. Eine kurze Ansprache, sich nicht durch die Aufschriften des kürzlich hier durchrollenden Giro verleiten zu lassen, sollte die Moral vor der Abfahrt nochmal festigen und dann ging es 17 Kilometer bergab bis Pontebba.

In Pontebba wurden die Vorräte ergänzt, denn nun standen uns lange Auffahrten in den einsamen Bergen südlich einer Linie Pontebba - Tarvisio bevor. Wieder der erste Anstieg über 1200 Meter, aber überwiegend schön im Waldschatten. Dann kam eine Alm mit einem Schild „aperto“ davor, aber scheinbar ist mein Italienisch noch schlechter als gedacht, denn alles war verschlossen und so konnten wir nur unsere mitgebrachte Brotzeit auf den aussichtsreichen Tischen vor der Hütte vertilgen. Wasser war zum Glück vorhanden. Dann gab es noch ein kurzes Stilleben „Berge mit schlafenden Radlern“, bevor einige steile Passagen zu einem verfallenden Almdorf in einem Sattel führten. Rainer sagte ja, dass er nur einen Platten gehabt hätte, weil ich gesagt habe „was pfeift da so“, aber ich glaubte nicht so recht daran. Jedenfalls haben wir gemeinsam mit Andis Hilfe geflickt und die anderen die Aussicht genossen. Eine langer Ziehweg führte uns steil bergab bis nach Chiout ins Val Dogna. Hier begann die letzte Auffahrt des Tages. Ein Kaffee wäre jetzt etwas Feines gewesen, aber wieder war da die Sache mit "aperto". Will sagen, wir kamen einfach nicht zu unserem Kaffee, dafür aber zu einem weiteren Platten.

Karnische Karnische

Zumindest hatten wir Platz, wenn es schon keinen Cappucino gab

Und wieder Rainer

Dennoch, die Auffahrt war grandios, denn wir näherten uns immer mehr dem beeindruckenden Bergmassiv des Jof di Montasio oder Montasch. Sicher so beeindruckend wie die Felsabstürze im Karwendel oder in den Berchtesgadenern. Und das Tüpfelchen auf dem "I" war dann unsere heutige Unterkunft, das Refugio Filli Grego. Und wieder die einzigen Gäste. Ein Kaffee, ein Bierchen und dann richtig sacken lassen mit Blick auf die Nordwände von Montasch und Jof Fuart. Da will ich unbedingt mal zum Bergsteigen hin, ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass dieser Anblick einen Menschen kalt lassen kann, andererseits ist das wohl auch gut so, sonst wäre es dort nicht so ruhig gewesen. Der Hüttenwirt war kurz nach unserer Ankunft weggefahren, nur sein etwa 20-jähriger Sohn war noch mit uns auf der Hütte. Die Küche sah um 1800 Uhr noch aus wie nach einem Meister-Propper-Wettbewerb und die besorgten Stimmen mehrten sich, der Tourenorganisator solle doch mal nach dem Rechten sehen. Kurzes Radebrechen, der junge Wirt sagte "Essen um 1830 oder 1845" und nach einer Einigung konnten wir weiter die Aussicht genießen. Genau um die vereinbarte Uhrzeit gab es dann wieder das bereits gewöhnte Menü mit 3 Gängen, dazu ein feines Weinchen und zum Drüberstreuen noch einen Grappa. Alles ganz locker aus der Küche geschüttelt. Wir waren restlos begeistert. Und als auch noch der Vollmond über den Bergen stand und wir unsere Häupter in saubere, gute Betten gebettet hatten und fast erschrocken die vollkommene Ruhe wahrnahmen, klang ein beinahe perfekter Tag aus.

Karnische Karnische

Montasch

Refugio Filli Grego

Etwas misstrauisch waren wir nach den Erfahrungen auf der Marinelli-Hütte am Morgen an den Frühstückstisch gegangen, denn dort hatte es damals für jeden einen Kräcker und eine Tasse Kaffee gegeben, aber auch in dieser Hinsicht war die Hütte perfekt und wohlgestärkt starteten wir in den wolkenlosen Morgen. Und das alles für 35,- € Halbpension.

Wieder ein „relativer“ Abschnitt, bevor wir den alten Muliweg zur Hütte erreichten und ins Val Bruna rollten. Unser Weg sollte über den Monte Santo di Lusari nach Tarvisio führen. Er führte auch, obwohl die Auffahrt - nein, diesmal nur 900 Höhenmeter - anhaltend recht steil zum Einlegen kleinster Gänge oder auch dem einen oder anderen Wanderschritt zwang. Nur Markus verzichtete ein weiteres Mal auf den kleinsten Gang, denn „man sollte ja immer noch Reserven haben, wenn‘s wirklich hart wird“. Psychologisch ist das für die Mitfahrer gar nicht gut. Auf dem Gipfel wurden wir zum einen von einem wüsten Touristenrummel empfangen, zum anderen von heftigsten Liftanlagen und Skiabfahrten. Auch die Abfahrt führte auf einer Straße entlang der Skipiste, grobschottrig und teilweise so steil, dass man nicht mehr sah, wohin die Straße führt. Richtig froh darüber mit nur einem Platten gut unten angekommen zu sein besorgten wir uns in Tarvisio - richtig - eine gute Brotzeit die wir auch gleich an Ort und Stelle ihrer Bestimmung zuführten. Auf dem Weiterweg Richtung Dreiländerspitze zwang uns ein kurzer Gewitterschauer in einen etwas unbequemen Unterstand, aber die bald wieder hervorbrechende Sonne ließ das Intermezzo schnell vergessen sein und durch schönen Wald auf einem holprigen aber flachen, alten Militärweg erreichten wir am späten Nachmittag den Gipfel. Tolle Ausblicke in die Julischen Alpen, die Ausläufer der Karnischen Alpen und zurück auf Montasch und Monte Santo di Lusari machten diesen Abstecher mit fast 800 Höhenmeter zu einer lohnenden Sache. Dann ging es in wirklich rasanter Abfahrt 1000 Höhenmeter nach Agoritschach in Kärnten. Das Abendessen im Seltschacher Hof war denkwürdig wegen des Wirtes, wir haben uns jedenfalls gut unterhalten und einiges über die Kultur der Gegend wie das sogenannte Kufenstechen erfahren.

Der letzte Tag begann mit einer Fahrt auf historischer Strecke. Der Radweg entlang des Gailtales ist auf der alten Römerstraße angelegt und führte uns über Hohenturm nach Achomitz wo die lange Auffahrt - zufällig wieder 1200 Höhenmeter - zur Achomitzer Alm startete. Nun waren wir wieder zurück in den Karnischen Alpen. Von der Alm aus hatten wir einen guten Überblick über die in den letzten zwei Tagen gefahrenen Streckenabschnitte. Auf der Nordseite querend ging es unterhalb von Maria Schnee zur Feistritzer Alm. Das in der Karte eingezeichnete Wirtshaus Oisternig ist verfallen. In der Alm daneben wird man normalerweise bewirtet, aber „aperto“ konnte in dem Fall nur auf das abgedeckte Dach bezogen werden. Allerdings standen jede Menge Autos und Leute in dem kleinen Almdorf. Die ganze Dorfgemeinschaft einschließlich Feuerwehr und Kinder hatte nach einem verlorenen Kalb und einem verlorenen Fohlen gesucht. Nun wurden die zurückkehrenden Suchmannschaften von den Frauen reichlich versorgt (sehr fett und deftig ging es da zur Sache) und auch wir bekamen einen Anteil davon ab, so dass der Weiterweg gesichert war.

Karnische Karnische

Montasch

Almenidylle

In diesem Bereich sind die Karnischen eher sanfte Berge und ideales Almgelände, was für den Radlfahrer den Vorteil eines gut ausgebauten Straßennetzes mit sich bringt. Eigentlich könnte man mit einigen kurzen Pfadetappen auf dem karnischen Höhenweg von Thörl-Maglern aus immer auf der Kammhöhe fahren. Wir verfolgten den Kamm nur einige Kilometer nach Westen, zuletzt auf einem tollen Trial (sagten alle, keine Relativität) zum Lomssattel. Hier mussten wir die Höhe verlassen. Nach einer flotten Abfahrt auf asphaltierter Straße ging es weiter über die Dellacher und Egger Almen zurück nach Möderndorf. In den 4 Tagen hatten wir außer in der Gegend um Tarvisio nur eine Handvoll Radlfahrer gesehen, waren auf überwiegend sehr angenehmen Straßen durch spektakuläre Landschaften gerollt und zumindest am Abend und Morgen immer bestens verpflegt und untergebracht gewesen. Rundum also eine gelungene Tour.


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