Hagengebirge
Der Weg des Steinbocks
16.06. – 17.06.2012

von Markus Tiefenthaler

Zugegeben, ganz so kühn wie der Titel unterstellt, war unser Weg nicht. Dafür aber haben wir bei Sonnenaufgang mehrere Steinböcke gesehen, die sich ganz entspannt vor prächtiger Kulisse ihr Frühstück einverleibt haben. Aber der Reihe nach.

Hagengebirge Hagengebirge

Aufbruch

Schneibsteinhaus

Die Idee war, einmal im Prinzip die kleine Reibn in den Berchtesgadenern im Sommer zu gehen. Da es als Tagestour einerseits eher einen Gewaltmarsch darstellt, andererseits aber die möglichen Hütten eine ungünstige Aufteilung der Tour erzwungen hätten, hatte ich beschlossen, die Tour mit einem Biwak zu verbinden. Der Seeleinsee erschien mir dafür geeignet, weil es dort sicher Wasser gab und ich erhoffte, am Seeufer ein lauschiges Plätzchen zu finden. Am ersten Tag wollten wir also vom Königssee über das Stahlhaus, den Schneibstein und den Windschartenkopf zum Seeleinsee gehen, am zweiten Tag dann über den Kahlersberg und Abstieg über den Röthsteig zurück zum Königssee.

Täglich beobachtete ich den Wetterbericht, denn ein Biwak bei Regen oder Gewitter kann auch am lauschigsten Plätzchen schnell unangenehm werden. Aber es zeichnete sich ein recht stabiles Wochenende mit geringer Gewittergefahr ab. Also alles zusammengepackt und los. Trotz moderner Leichtausrüstung macht sich so eine komplette Biwakausrüstung inklusive Kocher und Verpflegung recht spürbar im Rucksack bemerkbar und so ging es gemäßigten Schrittes vom Riesenparkplatz am Königssee aufwärts in Richtung Stahlhaus. Es war schon ein kleines Häuflein, das sich entschlossen hatte, die „Unannehmlichkeiten“ eines Freilagers auf sich zu nehmen, aber für derlei Dinge sind leicht abgewandelt "wenige oft besser".

Sozusagen als Notnagel hatte ich die Option in der Hinterhand, bei erkennbarer Wetterverschlechterung die Biwakausrüstung auf dem Stahlhaus zu deponieren, den Schneibstein mitzunehmen, auf dem Stahlhaus zu übernachten und am nächsten Tag über Hohes Brett, Göll und Alpeltal wieder abzusteigen.

Hagengebirge Hagengebirge

Schmetterling

Sonnenuntergang

Pünktlich um die Mittagszeit waren wir am Stahlhaus und ließen es uns dort richtig schmecken. Die Abendmahlzeit war ja eher knapp bemessen. Herrlicher Sonnenschein auf der Terrasse, keine Wolke am Himmel und auch die Prognose der Hüttenwirtin war sehr optimistisch. Also blieb Plan B in der Tasche und wir folgten dem Steig über den Höhenrücken zum Schneibstein. Die Jahreszeit Mitte Juni war optimal für Bergblumen und immer wieder machten wir uns gegenseitig auf noch schönere Gruppen von Blumen und Blüten aufmerksam. Trollblumen, Enzian, stengelloses Leinkraut, um nur einige zu nennen. Und dazu die Schmetterlinge. Da wir mit Elke eine gute Kennerin der Materie bei uns hatten, konnten wir auch viel Interessantes zu den einzelnen Arten erfahren, ob Admiral, Pfauenauge, Fuchs oder Schwalbenschwanz.

Vom großzügigen Gipfel des Schneibstein aus geht der Blick über das ganze Hagengebirge bis zum Hochkönig und weiter über das Steinerne Meer bis zum Watzmann. Im Rücken hat man das Massiv des Hohen Göll und weiter im Osten Tennengebirge und Dachstein. Hier waren noch einige Leute unterwegs, aber im Vergleich zum Gedränge am Jenner war es dennoch recht ruhig. Auch wurde es schon späterer Nachmittag, so dass sich die meisten Wanderer bereits auf dem Rückweg befanden. Wir aber hatten es ja nicht mehr sehr weit und konnten daher alles in voller Ruhe genießen.

Hagengebirge

Sonnenuntergang

Der Weiterweg führte über einen breiten Rücken leicht abwärts zur Windschnurr oder Windscharte. Dort zweigte einer der wenigen markierten Wege ab, die einen Zugang ins Hagengebirge ermöglichen. Auf der Hochfläche, die sehr dem Steinernen Meer ähnelt, lag noch reichlich Schnee, bei uns auf der sonnenausgesetzten Höhe aber waren nur mehr einige Reste vorhanden. Um diese sollten wir aber noch froh sein. Ein nicht markierter Steig brachte uns in wenigen Minuten auf den Gipfel des Windschartenkopfes. Von dort aus war der Seeleinsee gut 400 Meter tiefer bereits sichtbar. Weil der See aber in einem richtigen Kessel liegt, herrschten dort bereits finstere Schatten, während wir noch in der herrlichen Abendsonne lagen und so schwand zusehends die Lust, unser Sonnenplatzerl mit dem Schatten zu tauschen. Auch würde es vermutlich in diesem Kessel am Morgen lange schattig und deutlich kälter sein. Daher schauten wir uns nach einer Alternative um. Diese wurde auch rasch gefunden in einer sonnigen Mulde östlich unterhalb des Gipfels mit weichem Gras und Schneeresten in einer Ecke, aus denen wir uns Tee und Suppe bereiten konnten. Also war der Tag für heute beendet, wir genossen noch einige Zeit die Sicht direkt vom Gipfel und wanderten dann ein paar Meter abwärts zu unserem Schlafplatz für heute.

Hagengebirge Hagengebirge

Morgendlicher Aufbruch

Steinbock

Rasch war das Lager errichtet, eine Matte, der Schlafsack und fertig. Kocher aufgebaut, Schnee geholt und bald taute der Schnee im Topf. In der Zwischenzeit wechselte das Licht auf dem Hochkönig über Gelb- und Goldtöne in zartes Rosa. Oft ist man ja nicht so spät am Abend im Gipfelbereich unterwegs, um so eindrücklicher daher die Stimmungsänderung. Ein fantastischer Sonnenuntergang war der krönende Abschluss. Absolute Stille war eingekehrt. Und da es bald dunkel und auch kalt wurde, zog sich jeder in seinen Schlafsack zurück. Max sagte noch, dass er fast 60 Jahre alt werden musste, bis er zum ersten mal im Freien in den Bergen übernachtete, aber lieber spät als nie. Ein klarer Sternenhimmel beruhigte auch noch, was die Wetterperspektive anging und bald schliefen wir.

So gegen zwei Uhr wachte ich auf. Etwas hatte sich verändert und schnell wurde mir auch klar, was es war: Ein leichter, lauer Wind war aufgekommen und erste Wolken schoben sich vor die Sterne. Es würde doch nicht jetzt…

Aber bald gab es wieder Entwarnung und ich konnte weiter dem Morgen entgegenschlafen. Bereits vor Sonnenaufgang stand ich auf, um den Kocher anzuwerfen. Ein warmer Morgentee und Tee für unterwegs war sicher allen recht und wenn man den Schnee zuerst schmelzen muss dann dauert das eben seine Zeit. Dafür aber konnte ich genau den Sonnenaufgang verfolgen. Eine dichte Nebeldecke auf der die Sonne leuchtete lag über dem Salzburger Becken aber auch dem Königssee. Nach dem Frühstück wurde zusammengepackt und bereits kurz vor sechs Uhr starteten wir. Kaum um die Ecke gebogen standen wir vor einem ersten Gamsrudel beim Frühstück und nur wenige Meter weiter zogen sich die eingangs erwähnten Steinböcke ohne Hast zurück. Sie waren sich ihrer Überlegenheit in diesem Gelände sichtlich bewusst.

Hagengebirge Hagengebirge

Mauslochsteig

Windschartenkopf

Ein paar Schneefelder beschleunigten den Abstieg zum Seeleinsee. Noch ziemlich hart in der morgendlichen Kühle war etwas Vorsicht geboten um einen unfreiwilligen Ausritt in die Geröllfelder am Ende zu verhindern. Hinter einer Kante hatte sich ein mindestens zehn Meter hoher Windkolk ausgebildet. Dieses Jahr müssen dort richtig große Schneemengen gelegen haben.

Am Seeleinsee angekommen waren wir doppelt froh über unsere Entscheidung, denn noch immer war es dort kalt und schattig. Auch erwies sich der Untergrund um den See als sumpfig und uneben. Kein guter Platz zum Übernachten. Wir bewegten uns auf den imposanten Felsklotz des Kahlersbergs zu. Die Skitour weicht dort weit nach Osten aus, um in einer großen Schleife die Abbrüche zu umgehen und den Gipfel zu erreichen. Wir aber konnten direkt vom Hochgschirr über den elegant durch die Wand gelegten Mauslochsteig zum Gipfel aufsteigen. Der Himmel hatte sich etwas bedeckt und der Nebel war langsam über die Flanken hochgestiegen, bis er fast über den Rand in den Bereich der Gotzenalm schwappte, so dass wir befürchten mussten, beim Abstieg in den Nebel zu kommen. Noch aber konnten wir die Aussicht vom Gipfel genießen. Genau war die Route der Großen Reibn über die Funtenseetauern zum Hundstod zu verfolgen. Eine beeindruckende Distanz.

Wieder verhalf uns dann nach dem Abstieg über den Steig ein Schneefeld vom Hoch-gschirr zu einem raschen Abstieg über die ersten 300 Höhenmeter. Das wurde gerne angenommen, denn wir hatten an diesem Tag insgesamt 2000 Höhenmeter im Abstieg. Zu unserer nicht geringen Überraschung kam ein Bergsteiger sehr flotten Schrittes über das Hochgschirr und rutsche ohne Zögern barfuß (!) über das Schneefeld bevor er die Wegabzweigung zur Gotzenalm einschlug. Ich war ein paar Meter voraus und der Nebel hatte mich verschluckt, aber bis die anderen wieder aufgeholt hatten, hatte die Sonne das Tal erreicht und den Nebel gefressen. Das Grau blieb uns erspart.

Hagengebirge Hagengebirge

Landtal

Obersee

Der Weiterweg über die verfallene Landtalalm hinaus bis zur Kreuzung mit dem Röthsteig führte durch Wald so wie er sein sollte (und hier wieder wurde, denn man sollte nicht vergessen, dass auch diese Bereiche der Berchtesgadener Alpen stark gerodet worden waren in der Zeit der Salzgewinnung und des Salzsiedens in Reichenhall). Steil ging es dann hinunter zur Fischunkelalm und weiter nach Salet. Die kurzen Gegensteigungen waren fast schon lästig, denn etwas weiche Knie hatten wir wohl alle. Mit gemischten Gefühlen tauchten wir wieder ein in den Strom der Touristen und als entspannender Ausklang brachte uns die Bayrische Seenschifffahrt wieder zurück über den Königssee.


home | webmaster