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2012

von Maria Brunheim

Klaus Mieslinger und ich gehen seit 4 Jahren meistens gemeinsam auf Bergtouren. Dabei spielen die Vögel, die wir dort bemerken, eine entscheidende Rolle. Klaus interessiert sich seit seiner Kindheit für Vögel, und das sind inzwischen 50 Jahre. Auch mein Interesse an Vögeln ist einige Jahrzehnte alt. Zusätzlich zu seinem Interesse an Vögeln geht Klaus seit er einen Führerschein hat und ein Auto besitzt, auf Bergtouren. Diese allein füllen einen Ordner und mehrere Notizbücher, wo jede Tour und jeder Gipfel eingetragen ist. Auch ich bin von der Sorte, die jede freie Stunde für Streifzüge in den umliegenden Bergen nutzt. Allerdings wohne ich erst seit 8 Jahren in Gebieten, wo überhaupt Berge in der Nähe sind.

Hagengebirge

Braunelle

Durch mein Zusammenleben mit Klaus kommen die jeweiligen Interessen und Prioritäten sehr stimmig zusammen, und wir freuen uns gemeinsam an unseren Entdeckungen und Beobachtungen, die auf unseren Bergtouren zusammenkommen.

Klaus macht seit Jahrzehnten eine gewissenhafte Buchführung über fast jede Tierbeobachtung. Er ist optimal dafür ausgerüstet. Das Fernglas ist immer dabei und außerdem in einem praktischen Umhängebeutel um den Hals ein spitzer, harter Bleistift und ein kleines Spiralblöckchen für jede noch so kleine Notiz. Ebenso im Umhängebeutel speziell hergerichtete topografische Kartenausschnitte mit den Koordinaten und Planquadraten. Er nimmt jeweils nur die Ausschnitte mit, die er voraussichtlich auf der geplanten Tour braucht. So entfällt das Entfalten und Hantieren mit großen Karten. 

Auf den Notizzetteln trägt er Datum, Uhrzeit und Wetter ein. Und dann nimmt er für jedes Planquadrat einen eigenen Zettel oder manchmal auch zwei. Da notiert er dann die Koordinaten und in ein kleines Bleistiftquadrat malt er die Fläche im Gelände ein, in der wir unterwegs sind. Bei manch einem Planquadrat ist das z.B. nur ein kleines Eck oder ein Streifen mitten durch.

Und dann gehen wir, hören einen Vogel oder mehrere und Klaus bleibt stehen und notiert. Er trägt ein: Name des Vogels, Höhenangabe, Tageszeit, manchmal macht er einen Punkt im mit Bleistift dazu gezeichneten Quadrat, um genau zu wissen, in welchem Bereich vom Quadratkilometer der Vogel war. Das jeweilige Biotop trägt er oft ein, z.B. FiLäAlth = Fichten-Lärchen-Altholz, oder Almflä = Almfläche, oder Totholz...

Dazu dann „sing, ruf, kreis, Los, Sp, m/w, Juv, tromm, Nahrsuch, fütt, ...,“ was bedeutet: „singend, rufend, kreisend, Losung, Spur, männlich/weiblich, Jungvogel, trommelnd, Nahrungssuche, fütternd“ usw.

Nicht zu sagen ist, was uns wichtiger ist: die Vögel oder die Bergtour an sich. Beides gehört für uns zusammen, das eine bereichert das andere.

Hagengebirge

Gämsen

Im Sommer, wenn die meisten Vögel mit Nestbau, Brüten und Junge aufziehen fertig sind, machen wir Hochgebirgstouren, die nur nebenbei mit Vögeln zu  tun haben. Da kann es sogar vorkommen, dass wir Vögel zwar bemerken, aber nicht notieren. Klaus war ein wilder Gipfelsammler und Abenteurer, allerdings begrenzt auf die Alpen. Na ja, das ist ja bereits viel und abenteuerlich genug!

Jetzt schreibe ich als Beispiel von einer Tour Ende Oktober 2012 in den Berchtesgadener Alpen.

Wir beide lieben, wie auch manche anderen Herumstreifer, im Herbst besonders die wilde, gewaltige Schönheit des Hagengebirges / Steinernen Meeres. Voraussetzung, dass wir dort für mehrere Tage unterwegs sind, ist stabiles Wetter, denn sonst lohnt sich die Fahrt nicht. Außerdem ist das Gelände so ergiebig was Vögel im Herbst betrifft, dass es keine Freude machen würde, nach 2 Tagen schon wieder heimzufahren.

Für mich sind besonders auch die goldenen Lärchen wichtig, in Kombination mit Felsen, steilstem Gelände und grasigen Bereichen. Besonders herrlich, wenn über dem Königssee bis weit hinaus ins Land eine weiße Hochnebeldecke ausgebreitet ist, die jeden unnatürlichen Anblick unter sich versteckt. Für diesen Bericht ist es natürlich nicht relevant, genau zu beschreiben, wo jeweils welcher Vogel zu bemerken war. Ich fasse einfach die Arten zusammen, die Klaus und ich gesehen, gehört und zum Teil genauer beobachtet haben.

Hagengebirge

Lärchen

Alpendohlen, Grauspecht, Grünspecht, Buntspecht, Dreizehenspecht, Kolkrabe, Waldbaumläufer, Weidenmeise, Gimpel, Singdrossel, Blaumeise, Tannenmeise, Amsel, Zaunkönig, Schwarzspecht, Tannenhäher, Kohlmeise, Kleiber, Haubenmeise, Buchfink, Wiesenpieper, Erlenzeisig, Eichelhäher, Grünling, Rabenkrähe, Zitronenzeisig, Hänfling, Birkenzeisig, Bergfink, Birkhuhn, Rotkehlchen, Sperlingskauz, Auerhuhn, Schneehuhn, Wintergoldhähnchen, Fichtenkreuzschnabel, Waldkauz, Hausrotschwanz, Alpenbraunelle, Steinadler. Damit es nicht nur trockene Namen sind, erzähle ich euch zu einigen Arten noch etwas genauer.

Grünspechte gab es ziemlich viele während der 6-tägigen Tour. Grauspecht hörte ich nur einmal kurz im Bereich Priesbergalm. Wer den entscheidenden Unterschied von Grün- und Grauspechtruf kennt, kann sofort wissen, wann ein Grauspecht gerufen hat. Zu sehen bekommt man letztere nur selten.

Buntspechte gab es haufenweise, denn wir waren überwiegend im Nationalparkgelände unterwegs, wo seit mehreren Jahren viele größere Bereiche von Fichten absterben und zunächst den Spechten als Schlaraffenland dienen, denn unter der abblätternden Rinde befinden sich die leckersten Maden, Käfer und Spinnen.

Dreizehenspechte hat Klaus nur 2 notiert, Nahrung suchend. Er schaut meist genauer, ob es sich um „m“ oder „w“ handelt, oder etwa um einen diesjährigen Jungvogel. Kolkraben kreisten vor allem um den Kahlersberg und über dem Landtal. Ich höre sie oft, bevor ich sie sehe, auch wenn sie nicht rufen: ihr Flügelschlag macht ein bestimmtes, recht auffälliges Geräusch. Waldbaumläufer im Herbst überhaupt zu bemerken, ist etwas für geübte Ohren. Ein kurzes, ziemlich leises „sssrrrt“ hat Klaus immer wieder gehört. Obwohl er es mir meist gesagt hat, hab ich jedes mal vergeblich gehorcht... Im Frühjahr, wenn Waldbaumläufer singen, höre sogar ich sie manchmal. Sie huschen an die Rinde gekrallt behände auf und ab und ringsherum an Baumstämmen und picken Insekten aus Rindenritzen. Ihr Nest befindet sich z.B. hinter abstehenden, noch am Stamm befindlichen Rindenstücken. Weidenmeisen, Hauben- Blau- und Tannenmeisen sind im Herbst oft als gemischte Trupps herumstreifend zu hören und zu sehen. Auch Kohlmeisen gesellen sich manchmal dazu, sind aber auch öfter unter sich zu mehreren pickend beschäftigt.

Auf einer Morgentour zum Kahlersberg blieben wir stehen, Klaus zählte die Meisen und ich schaute ihnen derweil zu, während sie munter an den dünnen, biegsamen Zweigen einiger Lärchen herumbaumelten, um sich winzige Insekten von der Rinde zu picken oder auch Samen aus den kleinen Lärchenzapfen. Wiesenpieper rufen hörte nur Klaus. Ich kenne den Ruf noch nicht, er ist nicht laut und man muss ihn im "Blut" haben, um ihn überhaupt wahrzunehmen.

Zaunkönig hatten wir nur einen einzigen, und zwar schnarrend im Bereich Landtalalm, wo wir unsere Brotzeit einnahmen. Amseln hörte Klaus etliche. Ich wunderte mich, warum ich sie nicht bemerkte, denn ich kenne eigentlich ihre Geräusche. Sie singen nicht mehr, sondern tschuckern nur leise. Grünlinge hörten wir nur an der Gotzenalm während wir dort frühstückten. Sie leben zwar in Bäumen, sind aber keine Waldvögel, sondern immer an offene Flächen, gerne mit menschlichen Behausungen, gebunden.

Während ich an der Gotzenalm zum Feuerpalfen-Aussichtspunkt ging, um einmal den Königssee zu sehen, hörte und sah Klaus in der Nähe der Wirtschaft Zitronenzeisig, Hänfling, Birkenzeisig und Bergfink. Ich entdeckte derweil, als ich meinen Rucksack kurz abgestellt hatte, ein kleines Würstchen, welches ich Klaus zeigte. "Birkhuhnlosung". Sperlingskauze hörten wir erstaunlich viele, vor allem vor der Morgendämmerung und am helllichten Tag. Sie "singen" eine niedliche, halbe Tonleiter aufwärts und ernähren sich z.B. von Mäusen, die in den vielen großräumigen Bereichen mit liegendem Totholz und üppigem Staudenwuchs ihre optimalen Bedingungen für reichliche Vermehrung finden (Unterer Hirschenlauf z.B.). Klaus hörte ein knarrendes Schneehuhn. Außerdem sah er einige Auerhähne abstreichen, entdeckte Losung von Auerhuhn und einmal, als wir gerade unsere Schlafstelle richteten, hörten wir kräftiges Flügelschlagen, was plötzlich zu Ende war. So hört sich Aufbaumen an, d.h., wenn ein Hühnervogel vom Boden auffliegt, um sich auf einen hochgelegenen Ast zu setzen, um dort zu schlafen.

Am nächsten Morgen, im Schlafsack, erwachte ich mit dem Gesang eines Birkhahns im Ohr. Hatte ich das geträumt oder hat wirklich ein Birkhahn gekullert? Klaus meinte, möglich sei es, aber wenn einer gekullert hätte, hätte er ihn wahrscheinlich auch gehört. Hm. Lassen wir das offen. Klaus hörte einzelne Wintergoldhähnchen. Mit diesen habe ich es fast aufgegeben, dass auch ich sie eines Tages höre. Nur wenn eines nicht weiter als wenige Meter von mir entfernt in einem Baum singt, höre ich es. Meist sind sie hoch in den Baumwipfeln, vor allem in Fichten, und in dieser großen Entfernung hören nur wenige die hohen Frequenzen der Goldhähnchen.

Einen einzigen Fichtenkreuzschnabel hat Klaus notiert. Irgendwo bei Hinterbrand. Einmal hörte er nachts einen Waldkauz rufen, der sich wohl auf dem Zug befand. Das war im Bereich Landtalalm. Bergfinken hörten und sahen wir ca. 50 in einem großen Trupp über uns fliegen, als wir von der Gotzenalm die Straße nach unten gingen. Sie flogen von einem höheren Baum zum nächsten, machten dabei einige eckige Schwünge und ein schwirrendes Fluggeräusch. Es fasziniert mich immer wieder, wie so eine Schar von vielen Individuen sich bewegt, als sei sie eine Einheit. Hausrotschwanz „m“ und „w“ bemerkte Klaus einmal. Gelegentlich, jeweils im Landtal, hörten wir eine Alpenbraunelle leise singen. Herbstgesang.

Hagengebirge

Steinbock

Tatsächlich sahen wir plötzlich doch noch einen Steinadler, der über dem Landtal dahinglitt. Ein Jungvogel von heuer, wie Klaus sofort erkannte. Ich konnte zumindest ohne Fernglas sehen, dass sein Gefieder mit den hellen Stellen am Stoß und den Flügeln noch sehr frisch und kontrastreich dunkelbraun und weiß/cremefarben war und nicht abgenutzt aussah wie bei älteren Vögeln. Knackig und frisch sozusagen.

Und natürlich auch notiert: mehrere Gämsen, Eichhörnchen, ein Rudel männliches Steinwild (ca. 20) auf der Kahlersbergalm und ein Rudel weibliches Steinwild unterhalb des Kahlersberg im Landtal. Bald ist Paarungszeit beim Steinwild.

Eine Schneemaus bemerkten wir ganz in unserer Nähe am Gipfel des Kahlersberg nachdem ich meinen Apfelrest ein Stück nach unten geworfen hatte. Es war ein größeres Teil mit einer faulen Stelle daran. Eine Schneemaus kam hervor und versuchte, das Ding wegzuzerren, um es in ihren Bau zu befördern. Es gelang ihr zunächst nicht, denn sie hatte nicht viel Zeit: kurz danach flog eine Alpendohle zu dem Apfelrest und pickte darauf ein, die Maus hatte sich verzogen. Nachdem die Alpendohle eine Weile gepickt und zufällig die faule Stelle ganz gefressen hatte, flog sie weg. Wir warteten, ob die Schneemaus wiederkäme. Sie kam und versuchte wieder, den Apfelrest wegzuzerren. Diesmal gelang es ihr, denn das Ding war nicht mehr so sperrig und groß...

Hagengebirge

Landtal

Rothirschlosung und -spuren sahen wir auch öfter, und fast wäre ein Rothirsch nachts auf Klaus getreten, der am Boden schlief. Keine Witterung hatte er gehabt, und Klaus bewegte sich kurz, sodass der Hirsch einen erschrockenen Satz machte und rumpelnd durch das Unterholz verschwand.

Also leben unsere Touren von den Bergvögeln und diese leben von den Bergen und allem, was dort wächst und gedeiht. Es ist alles miteinander verbunden und wir sind so gerne immer wieder mitten drin und nehmen wahr, was um uns herum alles lebt. Nebenbei strengen wir uns auch sehr gerne bergsteigend an, denn das ist ja das Thema im Bladl, worum es sonst noch geht...


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