Mit dem Bergradl durch die Chiemgauer und um die Reiter Alm
Eine Tour für Genießer und Gläubige

Das schöne an einer Mountainbike-Tour ist, dass man genau weiß, was man vor sich hat. Den Berg rauf, egal wie, und später zur Belohnung wieder runter - über die Sinnfrage, sagt mancher, ließe sich streiten - wollen wir aber gar nicht. Jedenfalls, 1600 Höhenmeter sind 1600 Höhenmeter, und das ist gut so (wo habe ich das nur schon mal gehört....?). Nicht gerade wenig für einen Tag, aber der Körper will ja auch gefordert sein. In Rosenheim, sind die Beine noch locker, bis Nussdorf schnurren die Räder - ein Hochsommermorgen wie aus einem Sparkassenkalender. Das Mühltal hoch legt der eine oder die andere schon mal ein kleineres Ritzel ein - frisch bleiben ist alles. Erst auf dem Weg zum Spitzsteinhaus gibt es das erste Problem: Eine Seilkrananlage und ungefähr 400 Festmeter Holz liegen plötzlich zwischen uns und dem Weiterweg. Die Vorstellung von einigen Höhenmetern Umweg verleihen so manchem Radler Flügel und ungeahntes diplomatisches Geschick. Schließlich dürfen wir die Fahrräder über den Holzhaufen tragen - eine wacklige Angelegenheit. Am Spitzsteinhaus werden erstmals die Höhenprofile verglichen. Da haben wir einmal, was auf der Tourenbeschreibung steht, und einmal was der Höhenmesser sagt. Der Tourenführer zweifelt die digitale Wahrheit an und das Radlvolk bleibt ruhig und befasst sich mit den wesentlichen Dingen des Lebens: Schokoladenkuchen oder Quarkkuchen??? Nach Sachrang laufen die Räder von selbst

Die Autorin mit voller Konzentration

Dann wird's zum ersten mal so richtig mühsam. Die Sonne steht an auf den großen, staubigen Kehren hinauf zur Priener Hütte - und noch liegt die "steile Rampn" vor uns, so sagt der Radlguide. Man hat viel Zeit nachzudenken, was wohl eine "steile Rampn" sein könnte, auf den 700 Höhenmetern zwischen Sachrang und Priener Hütte. Ergebnis: Solange du fährst, ist es keine. Aber irgendwann ist auch die Priener Hütte in Sicht, alle Rampen des Tages liegen hinter uns und die letzten Kehren lassen sich locker fahren, also ob's nie anders gewesen wäre. Nach kurzer Rast weiter zur Ottenalm und auf getrennten Wegen weiter nach Unterwössen, die "Jungs" auf schönstem Trial-Gelände über den Schmugglerpfad, die drei "Mädls" über Landstraße und Radweg. Der letzte "Uhrenvergleich" am Abend zeigt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, was unsere Oberschenkel schon vermutet haben: Manchmal fühlen sich 1600 Höhenmeter an, als wären's fast 2000...

Der nächste Morgen - wie einmal umblättern im Kalender: Blitzblau und sonnig ist es draussen und die erste Rampe erwartet uns direkt hinter dem Gasthaus. "Zur Burg geht's ganz sche auffe" hieß es beim Frühstück. .. ach so. Die Oberschenkel sind der Meinung, das Frühstück hätte länger dauern können, aber wenn der erste halbe Liter erst mal geschwitzt ist, läuft es fast wie von selbst. Die drei Mädels sind guter Dinge - heute können 600 Höhenmeter abgekürzt werden. (Obwohl das mit den Höhenmetern eh' immer relativ ist, wie wir inzwischen wissen...).
Relativ lang zum Beispiel sind 6 Kilometer, wenn's dabei dauernd aufwärts geht, so trifft uns die Erkenntnis, irgendwo zwischen Marquartstein und Jochbergalm. Aber die Ausblicke sind herrlich - und immer wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt irgendwo eine Alm daher. So auch die Reiteralm. Ein Frevler wer diese Hütte links liegen lässt. Klammert man die lästigen Bremsen aus, stimmt wirklich alles auf dieser Alm. Die einzige Schwierigkeit dürfte wieder einmal sein, sich zwischen Käse- und Kirschkuchen zu entscheiden. Und wer's gar nicht schafft, kriegt von der Wirtin zwei halbe Stückchen. Und weils ja grad mal "a Batzerl Sahne" war, verlangt sie anschließend für Kaffe und Kuchen ganze 7,50 Mark. Wer da noch meckert...

Rund um die Reiter Alm

 

 

 

Mit voller Plauze (Für Leute, die nicht so lange den 'hohen Norden' genossen: Bauch) geht's für die Mädels-Truppe jetzt nur noch bergab bis Schneizlreuth. Die Männer beweisen dass sie ganze Männer sind und fahren über die Sellarnalm. Ein "kleiner Schlenker" von 600 Höhenmetern, mit einigen steilen Rampen, wie man später hört, wunderschöner Landschaft und netten Bauern auf der Sellarnalm.

Am dritten Tag wird die Reiter Alm umrundet. Landschaftlich auf jeden Fall ein absolutes Highlight und am Anfang wechseln sich Steigungen und leichte Etappen angenehm ab.

Die Ausblicke sind grandios und spätestens ab Reit müssen sie das auch sein, denn jetzt wird's richtig heiß. Die zwei letzten Tage sitzen in den Knochen, die Bremsen sind eine Landplage und bei 11 Kilometern bergauf hilft nur noch eine Mischung aus Fatalismus und Meditation. Nach der Auerweißbachalm erwartet uns noch ein Tragestück mit kurzer Kraxl-Passage. Über die "feuchte Wiesn" geht's dann zur Hundsalm - Rast!

Rast vor der Hundsalm

 

Die schöne Abfahrt zur St. Georgs-Kapelle ist steil und schnell. Auf der Teerstraße kann man die Finger mal gerade sein lassen (wenn das noch geht) und vergisst sogar, dass man exakt diese 500 Höhenmeter von der Kapelle zum Hirschbichl wieder hinauf muss. Aber wir wollten sie ja nicht ansprechen, die Sinnfrage. Der angeblich weltbeste Kaiserschmarrn bringt uns irgendwie über die letzten Höhenmeter zur Litzlalm. Unter dem imposanten Mühlstürzhörndl, mit seiner vom Bergsturz aufgerissenen Flanke, gibt's Zwetschgenkuchen und die ersten Regentropfen für dieses Wochenende. Die Abfahrt vom Hirschbichl über Hintersee nach Berchtesgaden macht jeden Schweißtropfen der drei Tage wett. 15 Kilometer immer bergab durch den Nationalpark. Nach diesem schwungvollen Abschluss und einer geradezu unheimlich pünktlichen Ankunft am Bahnhof kann man nur eine rundum gelungene Tour bescheinigen. Und das mit dem Höhenmesser, das diskutieren wir ein andermal aus.


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