Die Relativität der Befahrbarkeit
Mit dem Bergradl durch die karnischen Alpen
29.06. - 01.07.2007

Markus Tiefenthaler

Die Gruppe

Wenn man eine Tour vorbereitet, spricht man mit vielen Leuten: Leute die schon dort waren, Leute die immer dort sind und Leute die schon immer mal gerne dort hin wollten. Dies gilt besonders für Gebiete, über die es keine einschlägige Führerliteratur gibt.

Beim Bergradlfahren trifft dies noch auf einige Ecken der Alpen zu. Man findet zwar vieles im Internet, doch hier kommt die oben genannte Relativität ins Spiel. Was in einem Bericht noch als "relativ gut fahrbar" angesprochen wird, bezeichnet der nächste Bericht als Schiebestrecke oder Schlimmeres. Am Sichersten wäre es nun natürlich, vorher einmal hinzufahren und alles selber auszuprobieren, aber wer hat dazu schon die Zeit?

So also standen hinter meiner Planung für unsere Radltour Anfang Juli in den Karnischen Alpen einige Fragezeichen. Klar war nur, dass die Karnischen ein echtes Dorado für Mountainbiker sein müssen, gut erschlossen durch Hütten, mit Straßen zu fast allen Übergängen und schon fast verschwenderischen Kombinationsmöglichkeiten. Es war aber eben auch jeden Tag ein Single-Trail Abschnitt dabei, der schlecht abzuschätzen war.

Kaffe Einweisung

Erster Kaffee bereits in der Sonne

Was erwartet uns?

Entsprechend eingewiesen starteten wir am Freitag, 29.06.2007 schon recht zeitig am Morgen bei Regen in Rosenheim. Bis zum Felbertauern gab es nicht das geringste Anzeichen für eine Wetterbesserung, erst auf der Südseite zeigten sich dann zaghaft erste blaue Flecken, und in Silian, unserem Startpunkt konnten wir den Morgenkaffee bereits in der Sonne genießen. Die Diskussion war eifrig und fast ohne Unterbrechung wie der Bereich zwischen dem Dorfberg und dem Golzentipp nun wirklich aussehen würde. Erst der Augenschein konnte die Fragen beantworten.

Nach leichtem Einradeln auf dem Drauradweg nahmen wir die ersten Höhenmeter zum Kartitsch Sattel und nach St. Oswald in Angriff. Die Kette der Karnischen war zwar immer noch dick wolkenverhangen und das sollte auch den ganzen Tag so bleiben, aber wir fuhren überwiegend in der Sonne. In St. Oswald zeigte die Piste zum ersten Mal die Zähne: steil zog eine Forststraße am Hang entlang zu den Ochsenwiesen. Erst dort ging es dann flach weiter bis kurz unterhalb des Dorfberges. Da wir von der Nord- auf die Südseite des Kammes gewechselt hatten, kamen nun die langen Seitentäler des Lesachtales in unser Blickfeld, die zum Hauptkamm der Karnischen hochziehen.

Wolken Dorfberg

Wolken am Hauptkamm

Das erste Etappenziel

Erst kurz vor dem Gipfel endete die Straße und ging in einen nach oben unfahrbaren Weg über. Aber bereits 10min später standen wir auf dem Gipfel des Dorfberges, bereits 2144m hoch. Die ersten 1100 Höhenmeter lagen hinter uns und wir hatten uns sicher eine Rast im weichen Gras am Gipfel verdient. Nach einiger Diskussion einigten wir uns auch darauf, dass der scheinbar in weiter Ferne liegende Berg unser nächstes Ziel, der Golzentipp sein dürfte. Aber der Weiterweg sah jedenfalls erfreulich fahrbar aus. Und so schwangen wir uns wieder in den Sattel, um erneut eine Annahme zu überprüfen. Es ging gut! Nur an einigen Stellen war Vorsicht geboten, weil die Pedale in dem schmalen, tief eingeschnittenen Weg seitlich aufstanden. Naja, ein paar Schnapper gibt es immer, die einen Radler aus dem Sattel zwingen, zuletzt sogar eine Tragepassage von etwa 10min bis kurz unter den Gipfel des Golzentipp. Erstaunlich schnell hatten wir die Strecke überwunden. Eine entgegenkommende Gruppe bestätigte uns, dass die Gipfelüberquerung des Golzentipp kaum fahrbar sei, so dass wir den Weg unter dem Gipfel durch zur Connyalm einschlugen. Auch hier wieder überwiegend gut fahrbar, relativ….

Schiebstrecke Rast

Erste Schiebepassage

Jeder genießt den Gipfel auf seine Weise...

Immer deutlicher konnten wir unser Tagesziel, die Neue Porzehütte knapp unter dem Tilliacher Joch erkennen, dazwischen aber lag der verdammt tiefe Graben des Lesachtales. Und so drifteten wir in langen Kehren immer weiter nach unten von 2300m runter bis auf 1300m. So eine Abfahrt ist ja schön, aber wenn man weiß, dass fast jeder Meter wieder nach oben gekämpft werden muss, ist der Genuss etwas eingeschränkt.

In Obertilliach war eher ein toter Hund begraben. Wie ausgestorben lag der Ort, eine eigenartige Stimmung über den Gassen. So verabschiedeten wir uns nach einem kurzen Kaffee wieder und rollten den Rest von der Sonnenterasse des Ortes in den tiefsten Grund des Tales. Von hier beginnt dann die 10km lange Auffahrt zur Porzehütte. Die Relation zwischen Länge und Höhenmeter versprach eine angenehme Steilheit und das Versprechen wurde eingehalten. Gemütlich schraubte sich die gute Forststraße nach oben, bis die anheimelnd wirkende neu renovierte Hütte in unser Blickfeld kam. Fast auf Augenhöhe lag uns gegenüber nun wieder der Dorfberg und der Golzentipp. Aber schon bald nach unserer Ankunft verschwand die Sonne hinter einer üppigen Gewitterfront und bald darauf lobten wir unsere Zeitplanung, weil ein heftiger Regen niederprasselte. Die Atmosphäre in der Hütte entsprach nicht ganz dem Äußeren, eigenartig kühl und geschäftsmäßig waren die Wirtsleute. Besonders im Kontrast zum Folgetag fiel uns dies auf. Dazu aber später. Mit 1900 Höhenmetern war die Auslastung für den Anreisetag recht ordentlich und beruhigt konnten wir uns in die Lager legen.

Serpentinen Abfahrt

Serpentinen zum Tilliacher Joch

Abfahrt noch in Wolken

Grau und nebelverhangen präsentierte sich der Blick aus der Hütte am nächsten Morgen, aber wir hatten irgendwie das Gefühl, dass der blaue Himmel nicht weit sein konnte. Nach einem eher sparsamen Frühstück radelten wir um 8:00 Uhr wieder los. Es galt den neu hergerichteten Weg zum Tilliacher Joch bis auf 2100m unter uns zu bringen. Viele dieser Wege haben ihren Ursprung im Ersten Weltkrieg, als sich hier Italiener und Österreicher gnadenlos bekämpften und jeder die Straßen noch höher nach oben zog, um einen strategischen Vorteil zu erringen. Heute profitieren wir davon. Als wir das Joch erreichten, hatte sich der Nebel endgültig verzogen und der Blick nach Süden gab einen strahlend blauen Himmel über den wenig bekannten Friauler Dolomiten frei. Gleich hinter dem Kamm lagen die Reste der italienischen Kasematten und auch hier führte eine Militärstraße bis ganz nach oben. So konnten wir uns nach wenigen Metern bereits wieder in den Sattel schwingen und die Räder rollen lassen. Allerdings forderte der bockige Belag ein erstes Opfer, das fachgerecht verbunden wurde. Gottseidank handelte es sich nur um Hermines Rixen-Kaul, der nach einem Befestigungsbruch an den Rahmen gebunden werden musste.

Opfer Crode dei Longerin

Erste Opfer

Crode dei Longerin

Auf etwa 1800m zweigte die Strada delle Malghe ab, also auf Deutsch der Almenweg. In fast gleich bleibender Höhe führte zuerst noch eine Straße, später dann ein Single-Trail über mehrere Almen zur Antola di Sopra. Das Gelände war steil, so dass es einige Überwindung kostete, auf dem Pfad zu pedalieren, aber meist war dieser so glatt, dass man gut darauf fahren konnte. Und die Aussicht war atemberaubend.

Tilliacher Joch Strada delle Malghe

Porze und Tilliacher Joch

Strada delle Malghe

Fast 12km lang war dieser Weg, ein echter Höhepunkt wenn auch zeitaufwändig. Wären wir am Anfang der Strada delle Malghe weiter bergab gefahren, so hätten wir nach etwa 30min Costa di Antola erreicht, so aber waren wir 3 Stunden unterwegs, ohne viel Pause zu machen. Für mich aber war es jeder Meter wert.

Robert hatte daheim gesagt, dass der Weiterweg zum Rifugio Sorgente del Piave durch die Zerstörungen des schweren Unwetters von 2003 "auf einigen Metern" zum Schieben zwingt. "Dann aber ist es wieder gut fahrbar". Wieder einmal konnten wir hier die Relativität sehr deutlich fühlen. Der "Weg" führte über mehrere hundert Meter direkt durch den Bach. Dieser hatte durch das Gewitter vom Vorabend gut Wasser. Zuerst versuchten wir bei jeder Querung noch von Stein zu Stein zu balancieren, aber irgendwann wurde das zu mühsam und wir latschten einfach durch das Wasser. Dann stieg der Weg steil und abschüssig den Hang hoch, auch hier nichts zum Fahren. Erst deutlich später wurde der Weg breiter und flacher, so dass mit einigem Einsatz wieder von "fahrbar" gesprochen werden konnte. Ziemlich abgekämpft erreichten wir am späten Mittag das Rifugio. Da es von der anderen Seite mit dem Auto angefahren werden kann, befanden wir uns wieder mitten in der Zivilisation und wurden verdreckt und nass wie wir waren mit manchem schiefen Blick bedacht. Bald aber verlangte die gute Pasta all unsere Aufmerksamkeit und nach einem Cappuccino und einer Nachspeise waren wir einigermaßen wieder hergestellt. Das hatten wir aber auch dringend nötig, denn noch wartete die lange Auffahrt zum Rifugio Marinelli auf uns.

Wasser Sorgente del Piave

Etwas schlechterer Weg...

Rifugio Sorgente del Piave

Zuerst aber ging es weit hinunter bis nach Forni Avoltri. Da einige keine so große Lust mehr auf Gerüttle hatten, wollten sie auf der Asphaltstraße zum Treffpunkt fahren. In der Begeisterung übersahen sie aber eine Abzweigung und erst nach 15 weiteren Kilometern bergab reifte die Einsicht, dass diese Straße nicht die richtige sein konnte. Zum großen Glück kam fast in diesem Augenblick der letzte Bus dieses Tages an die Haltestelle und der Busfahrer lies sich überreden, die Gruppe mit den Rädern bis auf die Passhöhe mitzunehmen. So trafen wir mit reichlich 1½ Stunden Verspätung wieder in Forni Avoltri zusammen. Noch lagen 1200 Höhenmeter vor uns. Die angebotene Alternative im Rifugio Tolazzi zu übernachten wurde mehrheitlich abgelehnt und so kamen wir um 19:00 Uhr auf dem Rifugio Marinelli an. Ein satter Tag mit 2700 Höhenmetern lag hinter uns.

Wie schon angesprochen, der Unterschied zum Vortag war mehr als spürbar. In der Hütte quirliges italienisches Leben, ein große Gesellschaft feierte Geburtstag und dennoch ging alles ohne Stress ab. Die zwei jungen Frauen, die die Hütte bewirtschaften, hatten alles bestens im Griff. Nachdem wir unsere geräumigen und blitzsauberen Lager bezogen hatten, bestaunten wir das üppige Platzangebot in den Wasch- und Duschräumen. In vielen Hütten schlafen in so einem Raum 10 Personen, der dort nur zum Waschen zur Verfügung stand. Aufs Beste verpflegt und nach zwei Flaschen Rotwein auch mit der nötigen Bettschwere versehen, träumte jeder seinen Traum von endlosen Trails (nur Jörg hat sicher von was anderem geträumt…).

Sonnenaufgang Marinelli

Sonnenaufgang auf der Marinelli Hütte

Vor der Marinelli Hütte

Am nächsten Morgen wieder tolles Wetter. Der Sonnenaufgang vor der Hütte über den bereits sichtbaren Julischen Alpen eine Sensation. Das italienische Frühstück für uns Deutsche eher weniger, hier sind die kulturellen Unterschiede doch erheblich. Was man in Italien vor einem Tag mit Besichtigungen noch hinnahm, diente reichlich schlecht als Grundlage für einen Bergradltag. Die Abfahrt begann mit einer ausgesetzten Passage höchst fotogen mit der Hütte und der Hohen Warte im Hintergrund. Dann führte eine endlose Folge von Kehren und Kurven bis hinunter an den Plöckenpass. Wir hatten uns schon kurz nach der Hütte gewundert, wer da bereits am frühen Morgen versuchte, die kompletten Berge rund um den Pass zu beschallen, aber erst ganz am Fuß des Passes löste sich das Rätsel. Es waren die Reste eines Rockkonzertes, das scheinbar die ganze Nacht hindurch hier stattgefunden hatte.

Trial Kopfstein

Abfahrt Marinelli

Massage...

Und wieder stand die nächste Auffahrt bevor. In einem Rutsch ging es hoch von Laipacco bis zum Kronhofer Törl. Die letzten 200 Höhenmeter nach der Malgha Cesara Pramosia gnadenlos steil, aber die extra für uns bereits um 11:00 Uhr "morgens" gekochte Minestrone hatte uns hervorragend gestärkt. Der nun folgende Abschnitt gehörte definitiv zur Kategorie nicht fahrbar! Nach einigen Kehren verlief der Weg zwar fast eben am Hang entlang, aber das Gelände war nahezu senkrecht und der Weg erheblich verwachsen und verblockt. So kämpften wir uns über diesen sehr anspruchsvollen Abschnitt, bis wir bei der Oberen Bischofalm wieder fahrbaren Grund erreichten. Manche sagen ja, dass Forstautobahnen langweilig zum Abfahren sind, aber sie haben auch einiges sehr Beruhigende für sich. Und so fuhren wir hinunter ins Gailtal, das durchglüht war von der mittäglichen Julihitze. In Kötschach-Mauthen angekommen wurde kaum mehr ein Gedanke an die Alternative zur Auffahrt auf den Gailtalsattel verschwendet.

Der Blick auf die Uhr zeigte, dass nur mit einem Eilmarsch der Zug in Lienz zu erreichen war, der uns zurück zu unseren Autos bringen sollte. In den Rampen knallte die Sonne auf den Rücken, so dass es ein echt hartes Stück Arbeit war, bis wir den Sattel erreicht hatten. Auch die vielen Autos und Motorräder verbesserten die Laune nicht, aber was half es? Durch manche Dinge muss man einfach durch. Mit fast 70 km/h ging es dann runter nach Oberdrauburg und auf dem Drauradweg nach Lienz. Erst die letzten Kilometer holte uns noch ein Gewitter ein, so dass auch hier für die Abfrischung gesorgt war. Und dreckiger konnten wir an dem Tag eh nicht mehr werden.

Kaffee

Wie begonnen...

Was für mich bleibt? Wegbeschreibungen sind sehr relativ und die Karnischen Alpen ein Paradies für den Bergradler. Dass wir in den Bergen in drei Tagen genau 9 Bergradler trafen, ist für mich mehr als erstaunlich. Wenn irgendmöglich würde ich gerne wiederkommen, um den Rest des langen Kamms bis nach Villach zu befahren.


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