Grande Traversata delle Alpi
Teil VI, Juli 2020 und September 2020

von Markus Tiefenthaler

Wie würde das gehen, in diesem verflixten Jahr 2020? Wir haben vor, diesmal drei Wochen unterwegs zu sein und wollen bereits Ende Juni starten. Aber das erste Busticket verfällt schon mal, denn noch gelten Reisebeschränkungen. Um die erste Urlaubswoche doch gut zu nutzen, fahren wir mit dem Rad und Zelt von Rosenheim nach Berchtesgaden quer durch die Berge und es wird uns wieder einmal klar, dass wir nicht traurig sein müssten, wenn wir nicht aus Bayern rauskommen könnten, da ja direkt vor unserer Haustüre so viel Schönes liegt.

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Los gehts von Susa

Aber dann entspannt sich die Lage zum 1. Juli doch noch deutlich und wir kaufen rasch entschlossen ein Bahnticket. Maskiert und in schwach besetzten Zügen fahren wir über Mailand und Turin nach Susa. Spät abends kommen wir dort an und unser Pensionsherr ist so freundlich, uns direkt am Bahnhof abzuholen. Ja, die Pensionswirte sind auch wieder froh, wenn Gäste kommen, aber es ist sicher nicht nur der Geschäftssinn.

Wir haben uns dazu entschlossen, aus den vorliegenden Alternativen der ursprünglichen GTA von Susa aus in Richtung Salbertrand zu folgen. Für uns eine gute Gelegenheit zum Einlaufen, denn die ersten zwei Tage würden noch wenig Höhenunterschied bringen. Unser Plan war es, diesmal durch die Cottischen Alpen bis zum Monviso zu gehen, der uns ja schon seit längerem in die Augen stach, und dann einmal rundherum, damit wir auch ja alles sehen würden. Wie gesagt, das war der Plan.

Ganz gegen unsere Gewohnheit haben wir auch bereits für die ersten fünf Nächte unser Quartier gebucht, denn so sicher sind wir uns doch nicht, wie es laufen würde. Zuerst einmal sieht es aber so aus, als würde der Plan schon nach den ersten Stunden scheitern. Wie wir bereits aus der Beschreibung wissen, ist die Strecke an einer Stelle zwischen Susa und unserem ersten Etappenziel Ruinas blockiert. Hier erfolgen geologische Untersuchungen für eine Hochgeschwindigkeits-Strecke durch das Tal, die heftigen Widerstand von Seiten der Bevölkerung hervorrufen, weil es bereits eine Autobahn und eine normale Bahnstrecke im Tal gibt. Was aber hinter einer Kurve auftaucht, schockt uns dann doch ein wenig. Gut fünf Meter hoch sind die Absperrungen aus dicken Stahlträgern und Baustahlgewebe. Das sieht eher aus wie eine Panzersperre. Nun gut, im Führer steht ja, dass wir nach rechts eine Umgehung finden sollten.

Steil geht es bergauf, durch lichten Kastanienwald, aber hier könnte eben alles Weg sein, oder aber auch nur Ziegenspuren. So sind wir froh, als wir nach einer Weile Stimmen hören und gehen darauf zu. Unter uns taucht wieder die Absperrung auf und davor stehen mitten im Wald fünf sichtlich gelangweilte Polizisten. Ich frage nach der Fortsetzung der GTA, aber keiner spricht Englisch und mit unseren Rucksäcken werden wir misstrauisch begutachtet. Dann verlangt einer der Polizisten unsere "Documenti", während ein anderer mit der MP im Anschlag auf uns zukommt. Das schaut nicht gut aus. Der Capo führ ein Telefongespräch und bedeutet uns, zu warten. Eine Weile später tauchen drei weitere Polizisten auf, diesmal in Zivil. Die Dokumente werden gezeigt, aber wieder versteht Keiner Englisch, und mit unserem wenigen Italienisch versuchen wir zu erklären, warum wir hier sind, fragen nach der GTA und zeigen die Karte, auf der alles eingezeichnet ist. Aber es interessiert keinen.

Wieder wird eifrig mehrmals telefoniert und dann lautet die Auskunft, unterstrichen von nicht gerade freundlichen Bewegungen, dass wir zurückgehen müssen. Sollte hier schon Schluss sein? Mehr aus der Not sage ich, dass wir vorreserviert hätten, und zeige den Namen des Agriturismo. Wieder wird telefoniert und dann heißt es ganz knapp, dass wir weitergehen können. Wer soll das verstehen? Ist den Herren im Wald einfach nur langweilig? Wie auch immer, wir sind recht erleichtert. Nach dem Weg fragen wir nicht mehr und stoßen dann wenig weiter wieder auf Markierungen, die uns auf einem der alten Saum- und Höhenwege nach Ruinas bringen. Eine schöne Gumpe nutzen wir noch zur Rast und zu einem kleinen Bad.

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Lud uns ein..

Verlockend klingt der Name des Ortes, in dem unsere Unterkunft liegt, ja nicht, aber die Wirklichkeit ist dann sehr angenehm. Untergebracht im obersten Stock eines alten Bauernhauses haben wir einen weiten Blick über die Weinberge und talauswärts bis zum Rocciamelone. Dazu, wie fast immer, ein sehr feines Essen, vieles aus der eigenen, kleinen Landwirtschaft.

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Ruinas

Der Weinbau wird in dieser Gegend bis 1200 Meter hinauf betrieben und hier liegen die am höchsten gelegenen Anbaugebiete in den Alpen. Das liegt unter anderem daran, dass das Alta Val Susa eine inneralpine Trockenzone mit überdurchschnittlich mildem Klima ist. Wir befragen unseren Wirt natürlich auch, wie bei ihnen die Situation wegen Corona ist, und er meint, dass es im ganzen Tal kaum eine Infektion gegeben hätte. Nur die Verluste durch den Lockdown und die Zurückhaltung der Touristen würden ihnen einigermaßen zu schaffen machen. Aber er habe noch seine Landwirtschaft und werde schon irgendwie durchkommen.

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Sommerblume

Der nächste Tag erwartet uns wieder mit Sonne und früh am Morgen machen wir uns auf den Weg. Hier "unten", auf 1200 -1400 Metern, ist das Jahr bereits fortgeschritten und viele Blumen sind schon am Abblühen. Der Tag verspricht heiß zu werden und wir haben ein ganz nettes Stück vor uns. Zuerst geht es nur leicht steigend über mehrere, schöne Dörfer in Richtung Westen auf die französische Grenze zu. Im Tal taucht die Festung von Exilles auf. Die drittgrößte Festungsanlage im Alpenraum ist aus der Vogelperspektive gut zu überschauen. Auch auf diesem Festungshügel unterhielten bereits die Römer ein Lager und bei den letzten Umbauten der Festung im 18. Jahrhundert erhielt diese eine einen Kilometer lange, schnurgerade Zugangsrampe, auf der der König hochreiten konnte.

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Exilles, links noch die Königsrampe erkennbar.

Salbertrand ist eine nette Stadt, gewinnt aber eher nicht durch den doppelt so großen LKW-Rastplatz und die Autobahn in direkter Nachbarschaft. Nach einem kurzen Cappuccino und ein paar Einkäufen verlassen wir den Ort rasch und queren das Tal, hinüber in den Naturpark "Gran Bosco". Der Wald hier ist recht ursprünglich, weil er zum Schutz vor Lawinen immer geschont wurde. Viele alte Bäume, darunter auch viele Arven und Rottannen, beweisen dies. Im Wald ist es ruhig und angenehm kühl, so dass wir erst einmal Brotzeit machen, denn nun steht ein längerer Aufstieg über 800 Meter bevor. Wir sind schon gespannt auf unser heutiges Quartier, denn das private Rifugio Arlaud im Almdorf Montagne Seu soll als eine der ersten Hütten im Alpenraum das Umweltgüte-Siegel erhalten haben.

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Gran Bosco

Allein der Platz ist schon eine Sensation: weit schweift der Blick nach Westen in die Dauphine. Zu sehen ist unter anderem La Meije. Die Hütte ist in einem der alten Almgebäude untergebracht und wird von Frauen bewirtschaftet. Überall in den umliegenden Ruinen haben sie kleine Terrassen und Rasenflächen angelegt mit vielen Blumen und ein paar Tischen und Bänken. Perfekt zum Wohlfühlen und Erholen. Am Abend gibt es dann lokale Spezialitäten. Außer der Wirtin und einer befreundeten Familie sind wir allein. Das sollte noch öfter so sein, in diesem Jahr.

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Dauphine

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Montagne Seu

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Montagne Seu

Der nächste Tag führt uns über die Baumgrenze auf die Testa dell Assietta, 2565m. Hier oben lieferten sich im Jahr 1749 20.000 Franzosen und Spanier eine Schlacht gegen 8.000 Piemontesen und Österreicher, die sich in der Gipfelregion verbarrikadiert hatten. Trotz der zahlenmäßigen Überlegenheit wurden die Franzosen zurückgeschlagen. Noch heute sieht man den Verlauf der piemontesischen Befestigungen und jedes Jahr wird mit historischen Darstellungen an die Auseinandersetzungen erinnert. Heute führt eine lange Militärstraße den Kamm entlang, die leider auch teilweise für den Straßenverkehr geöffnet ist.

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Noch erkennbar nach über 250 Jahren sind die Verteidigungslinien

Direkt im Gipfelbereich waren die Blumen gerade in voller Pracht und auch die weite Sicht auf Dauphine, die Cottischen und die Grajischen Alpen lud zu einer längeren Rast ein. Erst die allmählich zahlreicher werdenden Mountainbiker, Motorräder und Autos lassen uns den Gipfel räumen.

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Ausblick Testa dell Assietta

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Blumenpracht

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Blumenpracht

Gottseidank führt der Weg bald von der Straße weg und über blühende Wiesen hinunter in das Val Chisone. Der Posto Tappa in Usseaux ist dieses Jahr geschlossen, aber nicht wegen Corona, sondern weil der Pächter in Rente gegangen ist. Und weil es auch gerade Wochenende ist, hatte es in der Vorbereitung ein paar Tage gedauert, bis wir im Hotel am Lago de Laux ein Zimmer bekamen. Das ist zwar nicht ganz billig, aber es ist auch ein ausgezeichnetes Plätzchen. Nach der langen Wanderung strecken wir die Füße auf der Seeterrasse aus und freuen uns über ein erstes Bier. Am Abend gibt es, nach verschiedenen Vorspeisen aus hauseigenem Ziegenkäse, Polenta in den verschiedensten Variationen.

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Ins Val Chisone

Hier wollen wir einen Tag bleiben, denn ganz in der Nähe liegt die Festung Fenestrelle. Nach Informationen vor Ort das zweitgrößte Bauwerk der Menschheit nach der Chinesischen Mauer (auch wenn ein riesiger Sprung dazwischen liegt). In dieser unruhigen Ecke zwischen Frankreich und Piemont reihen sich die Festungen ja auf, wie Perlen an der Schnur, aber Fenestrelle nimmt schon eine Sonderstellung ein. Im Jahre 1728 begannen die Bauarbeiten an der Festung, die über 600 Höhenmeter drei starke Kastelle und mehrere Feldschanzen durch einen überdeckten Wehrgang mit 4.000 Stufen verbindet. Parallel dazu wurden am Berghang mehrere Kanonenstraßen angelegt, um die Mauern zu bestücken. Abgetrennt wurden die Straßen durch Zugbrücken. Das ganze Vorfeld wurde abgeholzt.

50 Jahre später war alles fertig gestellt und mit 4000 Mann Besatzung versehen. Im Napoleonischen Krieg aber wurde die Festung kampflos übergeben und es kam nie zu einem richtigen Einsatz. Napoleon nutzte die Festung dann als Kaserne und Militärgefängnis und nach dem Wiener Kongress wurde die Grenze weiter nach Westen verlegt, so dass die Festung ihren militärischen Wert verlor und weiterhin nur als Kaserne und Gefängnis genutzt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Festung dann zu verfallen und erst 1990 erkannte man das touristische Kapital und die Anlage wurde wieder begehbar gemacht.

Wir kommen gegen 9:30 zur Kasse am Eingang, um dort zu erfahren, dass die große Führung bereits um 9:00 Uhr gestartet ist. Diese Führung dauert sieben Stunden und führt ganz hinauf zum höchsten Punkt der Festung. An einer kleinen Führung haben wir kein Interesse, denn man bekommt nur die untersten Kasernen zu sehen. Also beschließen wir, dem Hinweis Bätzings zu folgen und steigen einen Weg im Süden parallel zur Mauer empor, eine der vorher bereits erwähnten Kanonenstraßen. Heute ist aber alles zugewachsen und enttäuscht stellen wir fest, dass sich kaum Ausblicke auf die Anlage ergeben. Auf gut halber Höhe treffen wir direkt auf die Mauer und im Schatten rasten sich einige Leute aus. Wir gehen näher und einer davon spricht uns an. Es ist der Führer der langen Tour, die hier Halbzeitpause macht. Tja, und er fragt uns, ob wir denn mitgehen wollen. Wir beeilen uns, ja zu sagen. Die Führungen werden ehrenamtlich von einem Verein durchgeführt, und da der Führer recht gut Englisch spricht, bekommen wir immer wieder unsere Privaterklärung in den folgenden drei Stunden, die uns durch das mittlere Kastell Tre Denti bis zur obersten Festung Delle Valli führen. So darf jeder einzeln in die 25m³ große Zisterne kriechen, die von Hand aus einem einzigen Felsen geschlagen wurde. Die gedeckten Wehrgänge sind nicht beleuchtet und man kann überall hingehen oder raufklettern. Bei uns undenkbar. So bekommen wir doch noch einen starken Eindruck der ganzen Anlage und erfahren viel Interessantes.

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Fenestrelle

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Überdachter Wehrgang

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Talblick von der obersten Festung Delle Valli

Oben angekommen trennen wir uns von der Gruppe, und gehen unseren eigenen Weg zurück zu unserem Quartier. Dieser führt uns noch durch schöne, abgeschiedene Dörfer, die jetzt erst ganz allmählich der Fremdenverkehr erreicht, und über grandiose Almen. Den abwechslungsreichen Tag lassen wir in der Abendsonne auf der Hotelterrasse ausklingen.

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Blick auf Fenestrelle

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Prachtvolle Almen

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Blick zum Colle dell Albergian

Heute steht der lange Übergang über den Colle dell Albergian in das Val Germanasca an und wir bewegen uns wieder einmal auf historischem Terrain. Schon öfter begegneten uns die Waldenser, eine christliche Sekte, die im 12. Jahrhundert gegründet wurde und gnadenlose Verfolgung und Ausrottung erlebte, unter anderem auch, weil sie eine Kirche der Armut und Einfachheit forderten und auch Laien und "sogar" Frauen predigen duften. Unsere letzten Begegnungen mit ihnen hatten wir in Okzitanien, auf der französischen Seite der Pyrenäen. Nun bewegen wir uns auf dem Pfad der "Glorreichen Rückkehr", auf dem 1689 piemontesische Waldenser, die früher in die Schweiz ausgewandert waren, mit Unterstützung des englischen Königs in ihre Heimat zurückzukehren versuchten. Auf Gewaltmärschen über die Berge dringen sie in das Val Germanasca vor, wo sie der endgültigen Vernichtung durch die Truppen des französischen Königs und des Herzogs von Savoyen nur durch den Bruch dieses Bündnisses entgehen. Es wird Religionsfreiheit gewährt und noch heute stehen die Tempel der Waldenser in den piemontesischen Dörfern. Der Colle dell' Albergian hat für diese eine besondere Bedeutung, denn im Jahre 1440 sollen hier am Weihnachtstag 80 Kinder und Säuglinge erfroren sein, die auf der Flucht vor Feinden in das Nachbartal gebracht werden sollten.

Zuerst durch lichten Wald später über umwerfende Blumenwiesen geht es das langgezogene Val Albergian hinein bis zum Übergang auf 2700 Meter. Ganze Matten voll Edelweiß müssen wir queren, bevor wir im Abstieg am 90 Meter hohen Wasserfall Cascata del Pis vorbeikommen. Ein echtes Schauspiel, denn die Bäche führen noch viel Wasser. Durch das verlassene Dorf Balsiglia mit einem Waldensertempel und die Gemeinde Massello geht es weiter, entlang eines schönen Weges am Bach. Casa Forrestal heißt diesmal unsere Unterkunft und vor unserem Auge entsteht ein Bild von einem lauschigen Häuschen im Wald. Dieses Bild wird leider brutal zerstört, denn die Unterkunft ist ein seelenloser Bau neben einem großen Parkplatz. Wir finden schnell heraus, dass hier im Winter mehrere Loipen und ein kleines Skigebiet betrieben werden, was auch die meterbreite Piste auf dem letzten Wegstück erklärt. Nur das gute Essen und die freundliche Wirtin machen den ersten Eindruck wieder etwas wett.

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Blumenpracht

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Am Colle dell Albergian

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Cascata del Pis

Auch die nächste Etappe führt uns durch eine Gegend, die von früheren Gehversuchen im Wintersport mitgenommen ist. Besonders hässlich zeigt sich das in Ghigo di Prali mit mehreren, großen Hotels und Liftanlagen, die nun aber völlig verlassen sind. Aber diese Sünden kennen wir ja zur Genüge aus unseren Bergen. Auch das Quartier ist leider entsprechend eine Enttäuschung, wir werden zum Essen einen Kilometer talauf geschickt in ein Schnellrestaurant im Keller einer Liftstation. Das ließ uns all die anderen Quartiere doch wieder deutlich höher schätzen.

Interessant aber sind die Beckwith-Schulen, die man auch in den kleinsten Dörfern hier findet. Ein englischer Offizier dieses Namens hatte sich Anfang des 19. Jahrhunderts hier niedergelassen und begonnen, überall Kleinstschulen mit nur einem Schulraum und nebenberuflichen Lehrern zu errichten. Fast 200 dieser Schulen gab es zur besten Zeit und so hatten diese Täler Anfang des 20. Jahrhunderts mit die niedrigste Analphabeten-Rate in ganz Italien. Da diese Schulen aber ideologisch nicht zu kontrollieren waren, waren sie dem italienischen Staat ein Dorn im Auge und zwischen 1911 und 1918 wurden alle diese Schulen aufgelöst.

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Beckwith-Schule im Untergeschoss

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Wasser

Am nächsten Tag, nach den letzten Liften, wird es aber rasch wieder schöner und wir gehen eine steile Straße hoch zum Rifugio Lago Verde. Leider ist schon am frühen Morgen alles dicht vernebelt, so dass wir kaum etwas sehen und der Weg zieht sich. Wieder haben wir uns für eine längere Variante von Bätzing entschieden und gegen die Auffahrt mit dem Lift und über die 13 Seen. Bätzing schreibt hier, dass der Höhenweg vom Rifugio Lago Verde zum Colle Giulian zu seinen Lieblingsetappen gehört. Im Gegensatz schreibt der Rother, dass das "ständige Auf und Ab" demotivierend wirkt. Wir wollen uns selber ein Urteil bilden.

Kurz vor der Hütte kommen wir unvermutet durch den dichten Nebel in den strahlenden Sonnenschein, über uns prangt ein wolkenloser Himmel, und aus dem eintönigen Bergauf wird ein wunderbarer Gang durch Blumen, vorbei an Seen und Bächen, bis zur Hütte.

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Rifugio Verde

Noch ist es früher Nachmittag und nach einer kurzen Pause frage ich die drahtige Wirtin, ob wir noch auf den Bric Bucie steigen könnten, einen markanten fast Dreitausender oberhalb der Hütte. Die Auskunft war, dass das kein Problem sei, sie würde aber nicht den Umweg über den Col Buccie nehmen, sondern direkt vom Passo Bucie über den Buciret aufsteigen. Der Weg sei gut zu finden und markiert. Also machen wir uns auf den Weg. Bis zum Passo geht es recht einfach, auch wenn noch etwa Schnee liegt, aber der ist am Nachmittag weich und gut begehbar. Dann kommt ein etwas steilerer Abschnitt mit sehr spärlichen Markierungen, aber die Beschreibung der Wirtin ist gut und wir finden auch hier durch. Der Weiterweg ist erkennbar, schaut aber steil und felsig aus, und so beschließt Lisa, dass sie hier zurückbleibt. Im oberen Teil des Grates erkennen wir einige Franzosen, die mit dem Seil unterwegs sind und ewig herumsuchen. Ich mache mich also auf dem Weg und im festen Fels komme ich rasch höher entlang der Markierungen, die spärlich sind, aber doch ausreichend. Bald passiere ich die französische Gruppe, die sich nun entlang meines Aufstiegs nach unten orientiert, und kurz darauf bin ich am Gipfel. Die ganzen Cottischen Alpen bis zum Monviso liegen frei vor mir, in die andere Richtung geht der Blick zurück zum Rocciamelone und bis zum Monte Rosa. Was für ein traumhafter Gipfel. Rasch bin ich wieder unten, überhole dabei wieder die französische Gruppe, die sichtlich überfordert ist, und mit Lisa gehe ich zurück zur Hütte.

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Blick zum Monviso

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Blick zurück auf Rocciamelone und sogar Monte Rosa!

Ich muss jetzt einfach mal feststellen, dass Werner Bätzing recht hat, wenn er die folgende Etappe als einen der schönsten Abschnitte bezeichnet. Natürlich, wir hatten fantastisches Wetter, überall blühten die Blumen, und es war ein Genuss, im ständigen auf und ab aussichtsreich entlang zu wandern, bis man dann die Hangseite nach Sünden wechselt und sich, nicht ganz unvermutet, der Monviso schon recht nah vor einem aufbaut. Ein langer Abstieg, zuletzt wieder im Nebel, bringt uns in das Val Pellice zum Posto Tappa in Villanova. Wieder ein wunderbares Plätzchen mit freundlichen Leuten.

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Soldanelle

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Bläuling

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Feuerfalter

Entlang des Pellice geht es hinauf zur Pian del Morti und auf die Conca del Pra, ein mehrere Kilometer langes Almgebiet. Wieder waren wir den kleineren Weg auf der orographisch rechten Flussseite gegangen, ein ganz nettes, aber lohnenswertes Bonuspäckchen. Vom Rifugio Jervis geht es dann aufwärts, vorbei an einem kleinen "Giardino Botanico", aber der ist hier ja eigentlich überall, zum Colle del Baracun. Der Wirt, der nun wieder auf dem Rifugio Barant ist, gibt uns für den folgenden Tag noch den Tipp mit, über den Colle Armoine zu gehen, als schönere Variante nach Pian Melze, bevor wir hinunter zum Rifugio Barbara Lowrie gehen. Auch wieder so ein Plätzchen, wo man gerne länger bleiben möchte. Das Haus wurde von einem amerikanischen Ehepaar als Jagdhaus erbaut und ging nach dem Tod des Mannes in den Besitz des CAI über. Die Wirtin bestätigt die Aussage des Kollegen, dass der Weg über den Colle Armoine deutlich lohnender sei, und so starten wir zeitig im ersten Sonnenlicht.

Auch hier kann ich nur sagen, dass diese Wegführung der Original-GTA vorzuziehen ist, denn in dem langen Hochtal wechseln sich die Seen der Reihe nach ab und vom Colle aus hat man einen begeisternden Blick direkt auf den Monviso. Über Blumen und Steinböcke lasse ich mich nicht schon wieder aus, allerdings glaube ich, im Hochtal einen Wolf gesehen zu haben. In Pian del Re trifft den GTA-Wanderer dann wieder die volle Wucht des Tourismus, denn hier herauf auf 2000 Meter zur Quelle des Po kann man mit dem Auto fahren. Leider ist auch noch Wochenende, so dass alles knalle voll ist. Erst der gnädig heraufziehende Nebel verbirgt die Blech- und Menschenkolonnen.

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Am Rifugio Barbara Lowrie

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Mon Viso Alpensalamander

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Zum Colle Armoine

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Vis a Vis!

Eigentlich wollen wir hier nur einen Ruhetag machen, aber das Wetter schlägt massiv um, Schnee bis in niedrige Lagen für mehrere Tage ist angesagt, und da nun eigentlich der Weg um den Monviso starten soll, beschließen wir, abzubrechen und später im Jahr erneut hier einzusteigen. Der Abstieg entlang des Po bis nach Crissolo ist noch recht schön, denn der Po ist noch ein wilder, glasklarer Bergbach, der zu Tal schäumt. In einem wilden Wechsel von Bussen und Bahnen (11mal umsteigen) erreichen wir um Mitternacht wieder Rosenheim.

September 2020

Und weil es so schön war, das ganze nochmal im Herbst.

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Zurück in Pian del Re

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Der kleine Anfang

Es ist schon Anfang September und wir haben wieder 17 Tage Zeit. Die Planung zeigt schnell, dass wir bei der Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln bei dem ausgedünnten Bahnfahrplan zwei Tage schon bei der Anreise liegen lassen würden, daher entschließen wir uns schweren Herzens, mit dem Auto zu fahren. Am Morgen kommen wir in Crissolo an und finden dort auf einem öffentlichen Parkplatz eine Möglichkeit, unser Auto mit gutem Gefühl für zwei Wochen abzustellen. Ein blauer Herbsttag erwartet uns. Auf bereits bekanntem Weg geht es über Pian Melze nach Pian del Re. Wieder herrscht Hochbetrieb an der Po-Quelle, aber auch das kennen wir schon. Und immerhin ist es irgendwie immer etwas Besonderes, den Anfangspunkt eines doch recht großen Flusses vor Augen zu haben. Über lange Kehren geht es nach oben zum Lago Fiorenza und zum Lago Chiaretto. Der alte Weg über eine lange Moräne ist wegen Steinschlaggefahr gesperrt und in einer langen Umgehung am Fuße des Viso Mozzo erreichen wir den Colle Viso, immer direkt gegenüber der Monviso, der sich heute ganz gegen seine Art nicht in Wolken hüllt. Schon 1400 Höhenmeter haben wir in den Beinen. Zum Greifen nah liegt bereits das Rifugio Sella, unser heutiges Tagesziel, aber wir können uns die Gelegenheit eines umfassenden Blickes nicht entgehen lassen und steigen weiter auf zum 3019 Meter hohen Viso Mozzo. Immer wieder brechen hoch oben am Gipfel des Monviso große Blöcke aus und eine graue Steinschlagrinne zeichnet ihren Weg ins Tal. Der Rückgang des Permafrostes lässt den Berg sterben.

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Blick vom Viso Mozzo zur Quintino Sella

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Der Berg zerfällt

Überraschender Weise haben wir auf der Hütte einen Platz am Wochenende bekommen, trotz der Corona-Einschränkungen. Auf der anderen Seite des Berges, im Rifugio Granero, waren wir erfolglos gewesen, daher queren wir den Berg auch auf der Ostseite, die wir eigentlich wegen der vielen Besucher meiden wollten. In der Hütte wird in zwei Schichten gegessen, und auch nachher kann man sich halt nicht gemütlich zusammensetzen, sondern jede Gruppe, die einen Platz in der Hütte gefunden hat, hockt hinter "ihrer" Plexiglaswand. Die anderen treiben sich vor der Hütte rum, aber auf 2700 Meter wird es recht schnell frisch. Rundherum sind viele Zelte als Alternative zur Hütte aufgebaut und der Hüttenwirt hat wohl Verständnis dafür.

Wir treffen eine Deutsche, die seit mehreren Monaten mit dem Rad über die Berge unterwegs ist. Zuerst auf der Heckmair-Route von Oberstdorf zum Lago, dann entlang des Alpenbogens bis nach Genua, in die französischen Seealpen und jetzt hier, in den Cottischen Alpen. Sie hat nur eine Übersichtskarte und benutzt jeden Weg, egal, ob sie 1.000 Höhenmeter rauf und wieder runter schieben muss, Hauptsache, sie ist unterwegs. Übernachtet wird immer im Zelt, das sie am Fahrradlenker untergebracht hat. Ansonsten hat sie nur einen kleinen Rucksack und noch eine Rahmentasche, aber das war es dann auch. Ganz schön hart.

Auch die ersten GTA-Wanderer treffen wir hier, nachdem wir im Frühjahr keinen einzigen getroffen hatten. Es sind zwei Schweizer und die Frau will Morgen auf den Monviso, denn man kann ja an so einem Berg nicht vorbei gehen. Die Bedingungen sind ideal und daher nimmt sie die Steigeisen, die sie schon einige Tage mitgeschleppt hat, auf den Berg nicht mit. Am nächsten Tag besteigt sie dann auch den Gipfel und geht noch eine ganze Tagesetappe. 1800 Meter im Aufstieg und 2500 runter. Wir sind von gestern noch etwas müde in den Füßen und daher froh, dass die folgende Etappe mehrheitlich bergab geht. Nur einen kurzen Abstecher auf die Punta Malta können wir uns nicht verkneifen, eine kleine Kraxelei über ein paar Blöcke und wieder haben wir einen umfassenden Blick auf den Monviso.

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Der Nebel kommt mal wieder

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Sonnenaufgang

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Wo gehts lang?

Weiter unten betreten wir dann den Bosco dell Aleve, den größten, geschlossenen Arvenwald im Alpenraum. Immer wieder sehen wir auch Tannenhäher, ohne die dieser Wald nicht überleben könnte. Ein glücklicher Zufall hat den Wald dem gierigen Griff der Menschen entzogen. Der Untergrund ist so karg und felsig, dass sich nur Arven dort halten können, und so wurde der Wald zum Bannwald erklärt. Es gab sogar eine Zeit, in der man bestraft wurde, wenn man sich nur dem Wald mit einem Beil in der Hand näherte. Heute ist es ein Nationalpark und man kann hoffen, dass der Wald weiter besteht. Wunderbar ist das Wandern unter den alten Bäumen auf dem weichen, mit Nadeln gefederten Boden. Wir haben das Rifugio Bagnour als Quartier gewählt, weil es mitten im Wald liegt, laut Karte. Kurz vor der Hütte öffnet sich das Gelände und eine große, freie Fläche mit einigen moorigen Lacken wird sichtbar. Am Rand steht die freundliche Hütte. Der Wirt und seine Familie sind super entspannt, obwohl heute am Sonntag viele Gäste da sind und ein recht italienisches Ambiente verbreiten. Zwei Stunden später aber sind alle verschwunden und mit seinen kleinen Kindern wandert der Wirt über die Wiesen, um die schlimmsten Hinterlassenschaften der "Naturfreunde" zu entfernen. Heute ist außer einer jungen Schweizerin niemand da und so essen wir gemeinsam zu Abend. Wir verstehen uns auf Anhieb und erfahren, dass sie die ganze GTA in einem Rutsch gehen will. Sie ist aber auch topp fit und geht oft zwei Etappen an einem Tag. Auf der anderen Seite haben wir uns halt doch deutlich mehr informiert und können ihr vieles auch im Nachhinein erzählen und erklären. Von ihr erfahren wir auch, dass unsere Wahl im Juli über Salbertrand zu gehen, goldrichtig war, denn das erste Quartier auf der anderen Route sei das bisher schlechteste auf der ganzen GTA gewesen.

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Bosco dell Aleve, bis auf 2000 Meter wachsen die Arven

Am nächsten Tag regnet es leicht und daher beschließen wir, den Tag zu dritt weiterzugehen, vom Rifugio Bagnour zum Lago di Castello und über den Colle della Battagliola nach Chiesa und Bellino im gleichnamigen Tal und talein zu unserem Quartier in Chiazzale. Man merkt dem Bellino-Tal die gute Erreichbarkeit an, denn viele Häuser sind für Touristen hergerichtet oder dienen als Ferienwohnungen. Andererseits ist aber auch nicht viel verfallen oder vom Verfall bedroht, wie in so vielen Dörfern, die wir schon durchwandert haben. Das Wetter hat sich etwas gebessert und so wird es ein recht gemütlicher Tag mit einem Einkauf in einem echten Dorfladen, der "immer" geöffnet hat, man klingelt einfach und die Signora macht auf und fragt nach den Wünschen. Auch die Unterkunft ist ein Glücksgriff, mit schönen Zimmern in einem uralten Haus und bestem Essen und mit besonderer Sorgfalt zubereitet.

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Schöne Dörfer im Val Bellino

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Schöne Dörfer im Val Bellino

Unsere Schweizer Freundin plant am nächsten Tag wieder eine doppelte Etappe, daher trennen sich unsere Wege nun wieder. Bereits am Vortag in Chiesa hatten wir die Wahl gehabt, die ältere, östlichere GTA-Route zu gehen, oder die neuere, westliche und alpinere Variante zu wählen. Aber wir konnten uns nicht entscheiden, und daher ist der Plan ganz einfach, dass wir auf dem westlichen Weg bis ins Stura-Tal gehen und dann auf dem östlichen wieder zurück nach Chiesa, um dann den Monviso auf der Westseite zu passieren. So kommt man nicht recht vorwärts, aber wir konnten ohne weitere Verkehrsmittel wieder zurück zu unserem Auto kommen, was auch ein Vorteil war. Noch im Morgenlicht passieren wir die Rocca Senghi, ein Felsklotz, der ausschaut, wie vom Himmel gefallen. Kein Wunder, dass sich darum Legenden und Sagen ranken. Dann geht es sehr lange aufwärts bis zum Colle di Bellino und einem Abstecher auf den Monte Bellino. Im unteren Teil überholt uns noch ein Hirte auf eine Cross-Maschine und es nötigt uns allen Respekt ab, auf diesem Weg hochzufahren. Sicher 100 weiße Kühe stehen dann nach einer Steilstufe auf der Hochebene und weiden das schon recht trockene und spärliche Gras ab. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis sie wieder in das Tal gebracht werden müssen.

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Rocca Senghi

Auf der anderen Seite des Colle di Bellino geht der Blick über die Dolomiten von Cuneo, die ihren Namen wohl zu Recht tragen und den Vergleich mit dem berühmten Namensgeber nicht zu scheuen brauchen. Militärstraßen führen bis ganz herauf und vielfache Spuren zeugen davon, dass Mountainbiker fleißig Gebrauch davon machen. Das Val Maira hat ja auch bei uns einen guten Namen erhalten in den letzten Jahren als Revier für Skitourengeher und Bergradler.

Nach unseren Informationen wurde die GTA hier in den letzten Jahren wieder geringfügig verlegt, und nimmt nun nicht mehr den Weg einfach talaus am Refugio Campo Base vorbei, sondern steigt nochmals an bis zum Colle Griguri, direkt im Schatten der Rocca Provenzale. Da hier kein Straßenanteil dabei ist, beschließen wir, diese Variante zu wählen, auch wenn der eh schon lange Tag damit nochmal um ein Stunde Gehzeit verlängert wird. Aber der direkte Blick auf die imposanten Abstürze dieser Felsklinge, und der Abstieg entlang der Ostwand, sind den Umweg allemal wert. Mittelschwere bis schwierige Kletterrouten leiten durch diese Wand, die in Anbetracht des kurzen Zu- und Abstieges gut frequentiert werden. Im Kar liegen die Trümmer einer riesigen Platte, die vor sicher nicht allzu langer Zeit im geologischen Sinne aus der Wand gebrochen sein muss und respektvoll bahnt man sich den Weg um die haushohen Blöcke. Wenn man hier zur falschen Zeit am falschen Ort wäre…

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Colle di Bellino

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Fette Murmeltiere

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Rocca Provenzale

Chiappera ist nun schon beinahe ein mondäner Ferienort, alle Häuser werden entweder als Unterkunft verwendet, oder dienen als Ferienwohnungen. Aber in diesem Jahr ist sehr wenig los hier und wir bekommen sofort eine Unterkunft mit den gewohnten Qualitäten. Frühstück wird im Bett eingenommen, das dürfte bei uns noch nie vorgekommen sein (außer mal im Schlafsack, wenn es im Zelt sehr kalt war), aber um 5:30 wollte uns noch keiner ein Frühstück servieren und daher hat man ein Thermofrühstück mit Allem auf einem Tablett zubereitet und uns mit auf das Zimmer gegeben. So können wir gut gestärkt den heutigen Tag beginnen, und noch vor Sonnenaufgang verlassen wir unser Zimmer.

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Chiappera

Auch heute wollen wir wieder die weitere und alpinere Variante über den Lago Visaisa und den Lago d'Apsoi zum Colle d'Enchiausa auf 2742m wählen. Zuerst geht es ein Stück auf der Straße, bis dann ein Weg entlang einer Druckleitung zu einem Campingplatz führt, der direkt an den Quellen der Maira liegt. Es wird angenommen, dass es der unterirdische Abfluss des Lago Visaisa ist, der hier zu Tage tritt. Auf breiter Fläche quillt überall das Wasser aus dem Moos und bildet sofort einen starken Bach. Der jedoch kommt nicht weit, denn er wird sofort wieder eingefangen und über die erwähnte Druckleitung in einen Stausee abgeführt.

Ab hier geht es dann sehr steil aufwärts, bis der Weg hoch über dem Lago Visaisa in einen ungeheuren Kessel einbiegt und elegant am linken Rand die Steilabbrüche hoch zum Lago d'Apsoi überwindet. Hier liegt auch das Bivacco Bonelli, aber in diesem Jahr sind ja alle Biwaks ausschließlich für den Notfall freigegeben, was nicht alle stört, wie wir bereits im Juli feststellen mussten, wo manche Biwaks nach Augenschein stärker frequentiert waren, als die nahegelegenen Hütten. Wir aber halten uns einfach daran, auch wenn uns dadurch vielleicht manches schöne Erlebnis entgeht, wie wir aus dem letzten Jahr wissen.

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Letzte Zeugen

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Kurz vor dem Colle d'Enchiausa

Über eine gewaltige Moräne geht es dann deutlich mühsamer durch das Valle d'Apsoi aufwärts, immer direkt an der französischen Grenze entlang. Murmeltiere, die vor lauter Speck jetzt im Herbst eher zu kugeln als zu laufen scheinen, und Bunkeranlagen sind ständige Begleiter, und auch die allerletzten Edelweiß blühen noch. Flacher geht es dann durch das lärchenbestandene Valle Enchiausa ins Vallone Unerzio, einem Seitental des Maira-Tales. Gegenüber sehen wir bereits den folgenden Aufstieg zum Passo della Gardetta, aber zuerst heißt es weitere 400 Höhenmeter absteigen nach Chialvetta. Hier ist der Posto Tappa in der Osteria della Gardetta, eine der ersten Unterkünfte, die bei der GTA dabei war, und ein Musterbeispiel an liebevoller Pflege und Gastfreundschaft im bestverstandenen Sinn, auch wenn die Zimmer sehr einfach sind. Alles wird wettgemacht, durch die Freude und Herzlichkeit des Wirtes und seiner Frau. Es gibt zwar mittlerweile weiter oben wieder eine Unterkunft, die auch sehr schön ausgeschaut hat, und einen Umweg von einer Stunde erspart hätte, aber diese Osteria und auch das Dorf sind den Umweg auf dem alten Saumpfad allemal wert.

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Chialvetta

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Osteria della Gardetta

Wie auch in den letzten Tagen scheint am Morgen die Sonne, diese wird dann aber bald durch mehr oder weniger dichten Nebel und Hochnebel abgelöst, so dass die Fernsicht häufig eingeschränkt ist. Immerhin wandern wir aber nicht komplett im Nebel, das hatten wir ja auch schon des Öfteren. Auch heute steht uns wieder eine streckenmäßig lange Etappe bevor, die uns hinüber in das Stura-Tal führen wird, nach Pontebernardo, dem für dieses Jahr südlichsten Punkt. Vom Passo Gardetta überblicken wir die Gardetta-Hochebene mit der gleichnamigen Hütte, die seit einiger Zeit dort wieder zur Verfügung steht. Im Frühsommer muss diese Hochebene ein Blütenmeer sein, aber auch die gelben und braunen Farbtöne, die jetzt vorherrschen, haben ihren Reiz. Mehrere Militärwege und Pfade führen hoch zum folgenden Übergang, dem Passo Rocca Brancia. Sehr genau kann man an der Steigung der Straßen den Übergang vom reinen "Fußkrieg" zur motorisierten Fortbewegung erkennen. Auch hier wieder ein weit verzweigtes Netz an Montainbike-Routen und ab und an wünschen wir uns ein solches Gefährt, um den langen Abstieg zu verkürzen.

Überall ist erkennbar, dass sich die Menschen in der Vorbereitung auf den Winter aus den Bergen zurückziehen. Die Almen werden winterfest gemacht, Zäune niedergelegt und das Vieh in größeren Gruppen zusammengezogen. Eine früher gefürchtete Engstelle Namens Le Barricate passieren wir noch auf der alten Straße, bevor wir Pontebernardo im einsetzenden Regen erreichen. Die Engstelle ist heute danke eines Straßentunnels kein Problem mehr auf dem Weg zum knapp 2000 Meter hohen, stark frequentierten Übergang nach Frankreich. Für den nächsten Tag ist Regen angesagt, aber das stört uns nicht so, denn es wird sowieso nur eine kleinere Etappe mit knapp 10 Kilometer und wenig Höhenunterschied. Die letzten Tage war es meist fast doppelt so weit gewesen, so dass morgen quasi unser Ruhetag sein würde. Tatsächlich regnet es leicht, als wir dann losziehen auf dem alten Verbindungsweg von Pontebernardo über Castello und Moriglione nach Sambuco. Die kleinen Dörfer hoch über dem Stura-Tal sind in den letzten Jahrzehnten ins Abseits geraten, der Verkehr spielt sich nur mehr entlang der Straße im Tal ab. Aber in Sambuco hat eine unternehmerische Familie das Potential erkannt und in dem kleinen Dorf ein schönes Hotel errichtet. In einem Nebengebäude betreiben sie den Posto Tappa mit einfachen Zimmern und man kommt als GTA-Wanderer auch in den Genuss der vorzüglichen Küche. Am Abend gibt es immer zwei Vorspeisen, Hauptspeisen und Nachspeisen zur Auswahl und als der Wirt unsere Entscheidungsschwierigkeiten bemerkt angesichts der Verlockungen, erhalten wir immer von beidem etwas auf den Teller. Welch ein Service.

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Feuersalamander

Noch einmal verbringen wir einen netten Abend mit der jungen Schweizerin vom Refugi Bagnour, die hier die GTA verlassen hatte, um Freunde in Cuneo zu treffen. Halb und halb hatte sie darauf spekuliert, uns hier zu treffen und freut sich sehr. Immer noch sind kaum GTA-Wanderer unterwegs in diesem Jahr und was in den letzten Jahren doch auch ab und zu angenehm war, dass man über mehrere Tage die gleichen Leute auf der Hütte getroffen hat, fehlt dieses Jahr komplett. So wird es heute zur Abwechslung mal etwas später, bevor wir in den Betten liegen.

Nun geht es wieder zurück in Richtung Norden, denn wir wollen ja auch noch die andere Variante kennen lernen. Unserem endgültigen Ziel kommen wir dadurch nicht unbedingt näher, aber wir versprechen uns auch von diesem Wegabschnitt einiges. So steigen wir lange von Sambucco zuerst über das enge Vallone della Madonna und später durch das weite Hochtal Val Chiaffrea auf, bevor wir auf 2417 Meter Höhe am Colle Valcavera auf die alte Militärstraße treffen. Hier stehen wieder einige Wohnmobile und "Abenteurer" aus Turin und Mailand jagen ihre vollausgestatteten Jeeps samt Sandgitter und Kuhramm-Schutz über die geteerte Piste, die man auch in einem Twingo befahren könnte. Gut einen Kilometer bis zum Colle Fauniera müssen auch wir die Straße benutzen. Viele Rennradler sind unterwegs und für alle ist es Pflicht, sich auf dem Colle vor dem Denkmal für den umstrittenen "Dopingküstler" Marco Pantani ablichten zu lassen. Die GTA führt hier weiter parallel auf und neben der Straße viele Kilometer bis nach Chiappi, aber das war überhaupt nicht so unser Ding und ich hatte nach einer Alternative gesucht. Die gibt es nun auch tatsächlich in Form eines kurzen Anstiegs auf die Cima Fauniera mit einer langen Brotzeit in der milden Septembersonne auf dem Gipfel, und einem langen Abstieg auf etwas anspruchsvollerem Pfad hinunter direkt ins Dorf. Unterwegs noch rasch ein Abstecher auf den Parvetto, eine nette kleine Felsnadel am Weg. Von hier geht der Blick nun auch schon weit nach Süden in die anschließenden Seealpen, hoffentlich unser Spielplatz im nächsten Jahr, und weit nach unten auf das Kloster San Magno, das beherrschend über dem Tal liegt.

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Vallone della Madonna

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Heimwärts

Praktischer Weise endet unser Weg direkt vor unserem heutigen Quartier, der Käserei La Meiro, die auch noch ein feines Restaurant mit einigen Zimmern betreiben. Der Junior kocht, und wie, der Senior betreibt die Käserei, ein Hobby, wie er sagt. Der Käse Castelmagno darf nur an wenigen Orten produziert werden und hat ein eigenes, geschütztes Warenzeichen. Er wird in verschiedenen Reifestufen angeboten, die normale Reifezeit liegt aber zwischen 1 und 2 Jahren. Entsprechend gehaltvoll ist der seit dem 12. Jahrhundert nachweisbare Käsegenuss. Voller Begeisterung zeigt uns der Senior auch den neuen, 12 Meter tiefen Käsekeller, in dem seine Schätze reifen, erzählt von den eigenen Kühen auf der eigenen Alm, und der Freude, dass in den letzten Jahren solche Produkte wieder eine starke Wertschätzung erleben. Unbedingt empfehlenswert, wenn man mal in die Gegend kommt (und nicht jeden Cent umdrehen muss).

Nachdem wir uns etwas erholt haben von der langen Etappe gehen wir in der Abendsonne noch hoch zum Kloster San Magno. Im 15. Jhdt. wurde hier auf 1700 Meter eine erste Kapelle zu Ehren des Heiligen Magnus (als Sankt Mang, Apostel des Allgäu bekannt) erbaut und mit reichen Fresken ausgestattet. Später nahm die Wahlfahrt so zu, dass die Kapelle von einer großen Kirche überbaut und in der Folge um einen großen Kreuzgang und weitere Gebäude ergänzt wurde. Leider ist die Kapelle wegen der Corona-Pandemie nicht geöffnet, so dass uns nur der Blick von oben über das Kloster bleibt. Der Ort Chiappi selber ist aber auch recht ansehnlich, besonders das alte Hotel, das früher von betuchten Wallfahrern genutzt wurde, schaut sehr gut aus. Als wir zwei Motorräder mit Rosenheimer Kennzeichen sehen, rede ich die dazugehörigen Biker auf der Hotelterrasse mit einem "Griaß Eich" an, das nach kurzem Erstaunen ebenso kräftig erwidert wird und zu einem kurzen Plausch in der Ferne führt, wobei auch bald gemeinsame Bekannte festgestellt werden.

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San Magno

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Chiappi

Waren wir in den letzten Tagen vielfach in hochalpiner Umgebung unterwegs gewesen, sollten sich die nächsten Tage in deutlich geringeren Höhen abspielen. Das Hauptinteresse für uns sollten die vielen, teilweise komplett verlassenen Örtchen sein, durch die wir kommen würden. Naturgemäß würden wir uns mehr im Wald bewegen mit deutlich weniger imposanten Ausblicken, wie in den letzten Tagen. Am Morgen folgen wir also einer steilen Straße vorbei an den Kuhherden für den Castelmagno-Käse unserer Gastgeber zum Passo delle Crocette. Viel Wanderbetrieb ist hier, anscheinend ist der nahegelegene Monte Tibert ein beliebter Wandergipfel. Wir umrunden die Comba di Narbona mit der gleichnamigen Ortschaft, die in den 50er Jahren komplett aufgegeben wurde und wo viele Familien alle Möbel zurücklassen mussten, weil damals noch keine Straße zum Ort führte, was in der Folge zu umfangreichen Plünderungen einlud, und erreichen die Basse di Narbona mit dem ebenfalls aufgegebenen Almdorf Grange Serra. Sehr trocken ist es hier und wir können uns vorstellen, wie früher mühsam das benötigte Wasser aus dem 300 Meter tiefer gelegenen Bach geholt werden musste. Dann geht es sehr lange fast eben an einem Bergrücken entlang bis zum Monte Bastia und von dort steil abwärts nach Chiesa. Der Name der Gemeinde "Celle di Macra" (Mönchszelle) weist darauf hin, dass die Gemeinde früher im Besitz eines Klosters war. Hier wäre eigentlich auch unsere nächste Unterkunft, aber die Freunde machen gerade Urlaub und da im ganzen Ort kein anderes Quartier verfügbar ist, haben wir etwas weiter unten ein Zimmer gebucht, allerdings gibt es dort kein Essen. Als wir ankommen sagt die Signora aber im verschwörerischen Ton, dass sie uns schon was zum Essen machen könnte, denn das nächste Lokal sei 15 km weiter, sie dürfe das aber nicht laut sagen, denn offiziell habe sie keine Lizenz dafür. Sehr nett, und angenehm für uns.

In den Wäldern ringsherum liegen verstreut unzählige, kleine Dörfer, die ganz oft die gleichen Namen haben, nur der Gemeindezusatz unterscheidet sich. So gibt es fast überall ein Bassura oder ein Chiesa, aber mal ist es halt "di Macra" dann "di Stroppo" und dann wieder "di Belluno". So muss man gut aufpassen, wenn man nach einem Ort fragt. Viele der Ortschaften waren verlassen und werden nun im Zuge des Tourismus aus dem Maira-Tal wiederentdeckt. So wechseln sich Ruinen mit bestens renovierten Häusern ab, aber noch gibt es auch komplett verlassene Orte. Die GTA führt hier immer über die alten Verbindungswege, die zum Glück noch kaum von Fahrstraßen überlagert sind. Alle paar Kilometer findet sich eine Kapelle oder ein Gebetsstock. Oft wird steiles Gelände gequert und auch die Höhenunterschiede sind nicht unerheblich. Nach einigen Stunden erreichen wir die romanische Kirche von Albaretto, die komplett isoliert im Wald steht, aber doch die Kirche der Gemeinde Albaretto war. Sie war eben von allen versprengten Gemeindeteile möglichst gleich weit weg und wurde daher hier auf einem Sporn erbaut. Heute ist die Kirche nicht mehr konsekriert, aber der Verfall scheint gestoppt. Zugänglich ist sie dennoch nicht, aber ein Besuch des aufgelassenen Gemeindefriedhofs mit den aufgereihten Kreuzen, die vom harten Leben zeugen, ist allemal lohnenswert. Kurz darauf erreicht man das Dorf Garino, das im Dornröschenschlaf zu liegen scheint. In vielen Häusern hat man den Eindruck, dass die Menschen einfach gegangen sind. Handwerkszeug und Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs liegen herum und Brennholz ist zum Trocknen aufgeschichtet. Wir haben den Eindruck, den Menschen beim Leben zuzuschauen.

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Localita

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Kirche von Albaretto

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Aufgelassener Friedhof

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Einfach weg gegangen

Tief müssen wir dann hinunter nach Bassura, bevor es über die Ortschaften der Gemeinde Stroppo wieder hoch geht nach San Martino Inferiore. Hier hat in den 80er Jahren ein deutsches Ehepaar ein ganzes Dorf gekauft und seither die Häuser sehr schön renoviert. Die Räume des Posto Tappa bieten eine Glasfront mit Ausblicken auf das tief darunter gelegene Maira Tal, und vom perfekten Abendessen, das in schöner Gelassenheit serviert wird, bis zum reichlichen Frühstück, das sich wohl ziemt vor einem langen Wandertag, bleiben keine Wünsche offen. So verlassen wir am Morgen in bester Stimmung diesen Ort und gehen entlang steiler Abbrüche aussichtsreich nach Elva. Es ist schon erstaunlich, mit welchen Ideen die Menschen hier früher ihre Lage zu verbessern versuchten. So wanderten die Männer aus Elva im Winter in die Po-Ebene und schnitten dort bevorzugt Frauen die Haare. Aus den Haaren wurden dann Perücken gemacht, die bis London und Paris bekannt und begehrt waren. Erst die Erfindung des Kunsthaares beendete diese Handwerkstradition. Ein kleines Museum dazu gibt es im Ort. In der Gemeinde Celle di Macra war es der Sardellenhandel, mit dem das karge Einkommen aufgebessert wurde.

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Gottesanbeterin

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San Martino

Hier steht auch die bemerkenswerte romanische Kirche Santa Maria Assunta, mit Fresken eines flämischen Malers aus dem 15. Jhdt. Der romanische Baustil wurde hier noch gepflegt, weil das "moderne Zeug" aus den großen Städten noch nicht in den Alpentälern angekommen war. Wir haben das Glück, dass die Kirche eben offen ist und so nehmen wir uns einige Zeit, die eindrücklichen Darstellungen zu bewundern. Dann noch ein Cappuccino in der Bar nebenan. Allzu üppig sind die Einkehrmöglichkeiten auch hier nicht gesät. In etwas unsicherer Wegführung geht es zuerst steil bergauf und dann immer Richtung Nord-Westen auf den markanten Gipfel des Pelvo d'Elva zu. Seit Elva begleitet uns ein Hund, der mal vorausläuft oder zurückbleibt, aber immer wieder zu uns kommt. Wenn wir rasten, legt er sich auch in einiger Entfernung in den Schatten, und brechen wir auf, kommt auch er wieder mit. Wir haben ihn schon beim Kaffee-Trinken gesehen. Naja, er wird den Weg ja wohl kennen und irgendwann wird er dann schon zurücklaufen, denken wir.

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Elva und Santa Maria Assunta

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Fresken

Wieder nach ein paar Stunden erreichen wir den Colle Terziere und schauen erneut hinab ins Val Bellino und gegenüber ins Vallone di Vallanta, im Süden des Monviso, unser Weg für die nächsten Tage. Nochmals eine Pause, bevor wir uns an den Abstieg nach Chiesa in Bellino machen. Wieder versuchen wir, den Hund zurückzuschicken, aber unbeirrt folgt er uns bergab. Hier auf der Nordseite gehen wir angenehm schattig durch den Wald, bevor wir das große Ringelblumenfeld am Ortsrand erreichen, das uns schon am Pass entgegenleuchtete. Der Hund ist immer noch dabei. Wir denken nun, dass der Hund das wohl öfter so machen würde, aber im Posto Tappa (das schlechteste der ganzen GTA bisher nach Prali) kennt niemand den Hund. Eine deutsche Lehrerin, die auch zu Gast ist, ruft dann schließlich in Elva an. Dort wird der Hund schon vermisst und die Besitzerin ist heilfroh, dass sie erfährt, wo das Tier abgeblieben ist. Mehr als eineinhalb Stunden braucht sie mit dem Auto talaus und talein, bis sie ihren Hund in Empfang nehmen kann.

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Mitgelaufen zum Colle Terziere

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Chiesa

Wir sind froh, am nächsten Tag die Unterkunft verlassen zu können, gehen ein paar Kilometer talaus nach Casteldelfino und nehmen von hier den Bus nach Castello am Eingang des Vallone di Vallanta. Heute im Sonnenschein ist es ganz hübsch hier, auch wenn der Ort direkt neben der Staumauer des Lago di Castello liegt. Dann wandern wir gemütlich hinein in das Tal und hinauf zum Rifugio Vallanta. Wunderbar ist der Weg einmal mehr, Bäche, erste gelb gefärbte Lärchen, Almen und steil aufragende rote Felsen unter einem weiß-blauen Himmel. Nach gut drei Stunden erreichen wir die Hütte. Zuletzt hat es zugezogen und ist kühl geworden, so dass wir uns schon auf den Schutz der Hütte freuen, aber am Eingang hängt ein Schild ungefähr des Inhalts "Komme bald wieder". Wie wir später feststellen ist der Wirt mit seiner gesamten Belegschaft selber auf Wanderschaft gegangen. Zum Glück klart es nach einem kurzen Schauer wieder auf und wir können uns in die Sonne setzen. Nach der Rückkehr des Wirtes merken wir aber rasch, dass das Innere der Hütten nur wenig erstrebenswert ist. Alles ist aus Beton und reichlich klamm und feucht. So verziehen wir uns am Abend auch bald in unser Lager, das wir wieder einmal ganz für uns alleine haben.

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Morgen

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Am Wegrand

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Valle Vallanta

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Valle Vallanta

Das Frühstück hält hier nicht lange auf und so sind wir wieder vor Sonnenaufgang unterwegs zum Passo di Vallanta auf 2800 Meter. Hier sehen wir dann auch die Süd- und Westseite des Monviso, bevor wir auf französischem Gebiet absteigen zum Refuge du Viso. Nun wird uns auch klar, warum hier keiner auf unsere Reservierungsanfrage geantwortet hat, denn die Hütte ist bereits komplett geschlossen. Nur Murmeltiere hoppeln herum. Wenig später sehen wir dann aber eine größere Gruppe "Grauer Tiger", französische Senioren auf E-Bikes. Dennoch Respekt, das Terrain ist nicht ganz einfach zu fahren hier.

Nun steht uns der letzte Aufstieg bevor zum Colle delle Traversette. Im Juli hatte es dort noch reichlich Schnee, jetzt ist sicher die bessere Zeit dafür. Wir sind neugierig, denn kurz unter dem Übergang liegt der "Buco del Viso", der erste Alpentunnel der Welt, der aus verkehrstechnischen Gründen gebaut wurde. Bereits 1479 wurde der 110 Meter lange Tunnel auf 2880 Metern Höhe erbaut, um den Übergang für die Maultiere, die Salz aus Südfrankreich nach Norditalien brachten, zu erleichtern. Dieser Weg war nur nötig, weil die Grafschaft Saluzzo mit Frankreich verbündet war und Savoyen-Piemont, das mit Frankreich in Dauerfehde lag, alle anderen Routen blockierte. In den ersten Jahren wurden hier 20.000 Säcke jährlich (also nur in den 5 Sommermonaten) transportiert, was etwa 30 Maultieren pro Tag entspricht. Bereits 1588 wurde aber Saluzzo von Savoyen-Piemont erobert und der Tunnel zugeschüttet. 1907 erfolgten erste Restaurationsversuche und 2014 wurde der Eingang endgültig gesichert, so dass man heute wieder durch den Tunnel gehen kann. Durch Verwitterung hat er aber nur mehr eine Länge von 75 Metern! Wir überqueren also den Pass, steigen die ausgesetzten Kehren zum Tunneleingang nach unten und gehen dann einmal durch die Röhre wieder auf die französische Seite und zurück. Dann folgt der letzte Abstieg erneut nach Pian del Re und weiter nach Pian Melze. Noch einmal essen wir Polenta und am nächsten Morgen finden wir unser Auto unversehrt wieder in Crissolo und treten die Heimfahrt an.

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Colle delle Traversette

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Buco del Viso

Wir bereuen es nicht, diese große Doppelschleife gedreht zu haben, denn die Teile sind sehr unterschiedlich und jeder auf seine Art sehr sehenswert. Nun bleiben uns noch etwa 17 Etappen bis an das Meer, aber wer weiß, vielleicht fallen uns ja noch ein paar Umwege ein.

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Der Po


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