Im Frühling am Brandelberg
Im April 2020

Von Maria Heck und Klaus Mieslinger

Wir fangen wieder mit Übernachtungstouren an – im April 2020.
Unsere Absicht war, vor der Brandelbergalm unter dem Dach zu biwakieren und am nächsten Morgen vor dem Frühstück nach oben zum Brandelberg und weiter zur Feichtenalm zu gehen, um die Birkhahnbalz zu sehen bzw. zu hören. Zur Brandelbergalm gibt es wegen Zerstörung durch eine Lawine im Winter 2018/19 keine Brücke mehr über einen ruppigen Bergbach im unteren Drittel der Strecke von Innerwald aus. Aus diesem Grund wird die Alm wohl bis auf weiteres nicht genutzt und nicht gepflegt.

Als Klaus und ich dort ankamen, wollten wir gemütlich vor der Hütte unser Abendbrot essen, doch kalte Zugluft vermieste uns die Freude daran. Die Vorstellung, auf dem Steinboden vor der Hütte biwakieren zu können, erwies sich als nette Illusion.

Brandlberg

So richtig einladend wirkte nichts im näheren Umfeld, doch es war bereits Abend und wir mussten einen Platz finden, wo wir vor Tau geschützt schlafen konnten.

Gleich neben der Hütte befindet sich ein steiler Hügel, der das Ende eines Grates ist, der sich über einem tiefen Trichter im Gelände erhebt und diesen umgibt. Auf diesem Grat gleich neben dem Hügel steht eine sehr dicke, alte Tanne, deren untere Äste fast am Boden aufliegen. Durch irgendeinen Sturm waren etliche dieser Äste abgebrochen und lagen wirr durcheinander am Boden. Sehr einladend sah es dort nicht aus, doch in Ermangelung besserer Gelegenheiten räumten wir diese Äste zur Seite auf einen Haufen und stellten fest, dass zwischen den Wurzeln der Tanne zwei Bereiche sind, wo je eine Isomatte hinpasst. Die Tanne mit ihren dichten Zweigen würde jedenfalls guten Schutz vor Tau bieten. Einige Meter nebendran sind weitere Nadelbäume, sie bilden den Rand eines darunter liegenden Waldstücks.

Hier unter der Tanne war es längst nicht so zugig wie vor der Hütte. Also richteten wir unser Lager so bequem wie möglich ein und lagen dann in der Dämmerung horchend im Schlafsack, hörten weiter unten einen Waldkauz rufen und sonst nichts - - und ich schaute länger still nach oben in die Tannenzweige, zwischen denen nach und nach ein Stern nach dem anderen blinkte.

Ein besonders ehrfürchtiges Gefühl stellt sich ein, wenn man still unter einem Baum liegt und in seine Krone oder seinen Wipfel schaut – und dabei auch daran denkt, wie viele Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte dieses Lebewesen dort schon wächst und allen Widrigkeiten stand hält – schweigend alles in sich behält, was an Heftigem und auch Schmerzhaftem schon auf ihn eingewirkt hat.

Glück hatten wir, dass keine Wolken den Himmel bedeckten, denn zur Zeit war die Venus ein sehr heller Abendstern über dem westlichen Horizont, und der abnehmende Mond war gerade zu dieser Zeit eine noch kräftige Sichel, die sich der Venus zu nähern schien – mit der konkaven Seite zur Venus, sodass es aussah, als wäre sie fast in der Mondsichelschale. Der Anblick beglückte mich, und ich schaute immer wieder hin, bis die Venus hinter dem hohen Horizont (Grat am Brandelberg) verschwand.

Mitten in der Nacht wachte ich auf, weil direkt über mir in der Tanne ein Kauz quiekte und knappte. Auch einige unheimliche Schuhuuu-Laute gab er von sich. Ich fragte mich, ob er sich ärgern würde, wenn er gewahr wird, dass wir unter seinem Baum schlafen. Doch das interessierte ihn überhaupt nicht. Nebenan in einer Fichte am Waldrand saß anscheinend sein Weibchen, denn sie antwortete kurz, und dann stimmten sie einen Dialog aus Kontaktlauten an, die sich nicht beschreiben lassen. Sehr variabel und keine regelmäßigen Sequenzen dabei, nur dass der Ton eindeutig kauzig war.

Sicher 10 Minuten haben sie sich dort unterhalten – dann wurden die Laute des über mir gewesenen Männchens leiser – es war anscheinend ein Stück weiter geflogen. Auch das Weibchen schien sich entfernt zu haben – noch ein paar Mal hörten wir sie leise, dann nichts mehr.

Brandlberg
Brandlberg

Bereits beim Herrichten meines Lagers am Abend hatte ich bemerkt, dass direkt an der Tannenwurzel, neben die ich meine Matte legte, kleine Blumen wachsen: Schlüsselblumen und einige Anemonen. Natürlich hatte ich aufgepasst, sie nicht zu zerdrücken. Am nächsten Morgen war ich glücklich, diese kleinen Blumen, die zu meinen Lieblingsblumen gehören, unversehrt neben meinem Lager vorzufinden. Frühling gleich beim Aufwachen!

Frühstück in der Morgensonne war an der Brandelbergalm nicht möglich, weil wir wegen der Birkhahnbalz gleich nach oben zur Feichtenalm gehen wollten – und sowieso hätte es viel zu lange gedauert, bis die Sonne die Almhütte bescheint. Während wir nach oben gingen sowie auch überall unterwegs auf der Feichtenalm und abwärts von Klausen freuten wir uns an den ersten Frühlingsblumen, vor allem auch zwischen den Steinen. Knallblaue Frühlingsenziane, sanft-hellgelbe Schlüsselblumen und die ersten goldgelben Sumpfdotterblumen an feuchten Stellen. Auf der Hochfläche waren die ersten Wildkrokusse zu sehen – weiß mit goldgelben Staubgefäßen. Und an schattigeren Stellen Anemonen. Eine größere feuchte Stelle gefiel mir ganz besonders: sowohl Sumpfdotterblumen als auch Himmelschlüssel (Primula veris) wuchsen dort in frischer Gesellschaft: sanftes Hellgelb durchsetzt mit leuchtend-sattem Goldgelb zwischen saftigem Grün. So geht Frühling!

Ach ja, Veilchen hier und dort und natürlich Leberblümchen – welches Glück jedes Jahr wieder, sie zu sehen! Und exotisch duftender Seidelbast war auch bereits anzutreffen.

Brandlberg

Zwei balzende Birkhähne hörten wir, doch wir konnten sie nicht entdecken. Dafür zeigten sich die ersten Mankei über einem Altschneefeld. Und einige Ringdrosseln knarrten, Fitis und Zilpzalp sangen und auch die eine und andere Misteldrossel.

So wurde die Ernüchterung vom Vorabend wegen der zugigen Biwakstelle vor der Hütte reichlich ausgeglichen durch die vielen frohen Blumen unterwegs und durch das Glück, die ersten Frühlingsvogelstimmen als Begleitmusik zu hören.


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