Grande Traversata delle Alpi
Teil III, Juli 2019

von Markus Tiefenthaler

Im letzten Jahr war ich etwas traurig gewesen, weil kaum eine Blume unseren Weg gesäumt hatte. Ich kann mich meist nicht sattsehen an dem, was so alles blüht in unseren Bergen und bin immer wieder entsetzt, wenn ich bei uns durch die Agrarlandschaft fahre und mir denke, was wir da angestellt haben (alle gemeinsam, es sind nicht die Bauern alleine, die mit ihren Güllewagen ausrücken).

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Daher beschließen wir in diesem Jahr, bereits Anfang Juli zu fahren. Etwas Sorge bereitet uns die überdurchschnittliche Schneelage auch in den Südalpen, die sehr spät nochmals viel Schnee bekommen haben. Aber wir sind ja auch nicht ganz ohne Erfahrung und ein paar Meter über Schnee würden schon gehen.

Im Gegensatz zu den letzten Jahren rüsten wir uns etwas besser aus für Biwaks in den Bergen, indem wir einen mikrokleinen Gaskocher, Töpfe, Tassen, Fertigsuppe und Nudeln einpacken. Das alles drückt natürlich schon noch etwas mehr auf dem Buckel, aber wenn wir an die verpassten Gelegenheiten zum Biwakieren im letzten Jahr denken, die wir ungenutzt lassen mussten, weil wir uns nichts kochen konnten, dann soll es uns das wert sein.

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Unsere Endstation im letzten Jahr war das Aostatal gewesen. Die folgenden Etappen bis zum kleinen Ort Talosio kennen wir schon von einem „Appetithappen“ im Jahr 2012. Entsprechend starten wir heuer auch wieder von dort. Allerdings ist der Busverkehr dorthin mittlerweile eingestellt, aber irgendwie würde das schon gehen. Wieder fahren wir mit dem Nachtbus, diesmal nach Turin, um von dort aus die Bahn zu nehmen. Natürlich wollen wir zuerst in Turin einen gepflegten Cappuccino trinken, man muss ja merken, dass man in Italien ist. Aber am Bahnhof stellt sich raus, dass die nächste Fahrmöglichkeit in wenigen Minuten besteht und wir hasten zum Zug, ohne eine Fahrkarte zu kaufen. Wird man schon im Zug erledigen können. Im Zug kommt dann aber kein Kontrolleur und erst beim Aussteigen fällt mir die Aufschrift in die Augen, dass die Karten vor Antritt der Fahrt gekauft werden müssen. Nochmal Glück gehabt.

Direkt aus dem Zug fallen wir in unseren Bus, der auch umgehend die Türen schließt und weiterfährt nach Pont Canavese. Dort wollen wir ein Taxi suchen, aber der Markplatz schaut alles andere als nach Taxi aus. Daher beschließen wir, jetzt endlich erst mal unseren Cappuccino zu trinken. In der Bar fragen wir die Wirtin nach einem Taxi und die sagt gleich, dass das kein Problem ist, der Taxifahrer wohnt im Haus nebenan und wir sollten nur klingeln. Schon wieder Glück gehabt. Als wir klingeln wollen, spricht uns ein anderer Mann an und sagt uns, dass die Signora mit dem Taxi nicht da sei, aber er würde sie für uns anrufen. Zehn Minuten später ist unser Taxi da und bringt uns in das bereits 1200 Meter hoch gelegene Talosio. Wir werden uns in den nächsten Tagen in den Grajischen Alpen befinden, so benannt nach dem römischen Namen für den Kleinen Sankt Bernhard „Alpis Graia“.

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Nun ist es bereits Mittag und das Losgehen in der Hitze fällt schwer. Aber wir wollen noch zum kleinen Biwak Rifugio Blessent, das direkt unter der Christusstatue auf der Kapelle Madonna delle Nevi eingerichtet ist.
Bereits von Weitem sehen wir die geöffneten Arme der Statue, aber noch mancher Tropfen Schweiß rinnt, bevor wir unser Quartier in Augenschein nehmen können. Besonders die letzten 400 Höhenmeter werden uns sauer, denn wir müssen noch 7 Liter Wasser für heute und den morgigen Tag mitnehmen. Aber es zeigt sich auch schon die richtige Wahl der Jahreszeit, denn zuerst gehen wir durch einen ganzen Hang voller weißer Trichterlilien und dann wechselt sich Arnika mit unzähligen anderen Blumen, darunter verschiedene Orchideenarten, ab.

Belohnt werden wir weiters mit einer tollen Aussicht und unendlicher Stille. Kein Mensch ist unterwegs und während wir unsere Suppe kochen, wird das Licht immer milder und taucht die Berge ringsum in Abendglanz. Wie beschließen, vor dem Biwak zu schlafen und kuscheln uns in unsere Schlafsäcke. Beim ersten Morgenlicht sind wir wieder auf den Beinen, denn eine lange Etappe steht bevor. Einem längeren Aufstieg am Rücken des Monte Arzola folgt der steile Abstieg zum Lago d‘Eugio und der nächste Aufstieg hinauf zur Alpe la Colla. Auf der Nationalparkhütte dort beobachtet der Ranger genau, was die Steinböcke an der gegenüberliegenden Punta di Praghetta machen, aber ohne Fernglas und seine Übung haben wir keine Chance, die Steinböcke in den Steinblöcken zu erkennen. Nun geht es „nur noch“ steil hinunter bis nach San Lorenzo. Beim Passieren einer großen Schafherde sehen wir uns mit einmal eingezwängt zwischen den großen, weißen Herdenhunden und einem Haufen kleinerer Hütehunde, und wir sind sehr erleichtert, als der Hirte erscheint und die Hunde beruhigt.

In San Lorenzo bekommen wir dann zu unserem Erstaunen gerade noch einen Platz im Posto Tappa. Im Laufe des Nachmittags trudeln doch einige Grüppchen von der GTA ein, so dass wir erkennen müssen, dass auch früh im Jahr durchaus Leute unterwegs sind. Das Essen ist wieder einmal umwerfend und die Signora erklärt uns auf Italienisch und Englisch, was wir gerade vorgesetzt bekommen. Mindestens 15 verschiedene Gerichte zaubert sie aus der Küche und das allermeiste ist selbst gemacht, vieles sogar aus eigenen Produkten, das geht vom Gemüse über den Käse bis zu Salami. Bereits im Herbst beginnt sie mit den Vorbereitungen für die nächste Saison und kocht ein, fermentiert und räuchert anscheinend, was das Zeug hält. Fantastisch!

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Der nächste Tag soll uns nach Noasca bringen und ich verspreche mir nach der Karte nicht so viel von der Etappe, die nur in mittleren Höhenlagen entlang des Taleinschnittes des Orco verläuft. Aber oft kommt es anders. Zuerst eine Blumenterrasse, eine kleine Kirche und dann ein durchaus spannender Abstieg, stark verwachsen und nicht leicht zu finden durch Abbrüche aus wilden Granitplatten, und zuletzt kleine, schöne Örtchen, bevor wir den bekannten Wasserfall in Noasca zu Gesicht bekommen. Weniger reizvoll ist der Verkehr, der sich über die Hauptstraße wälzt, denn es ist Sonntag Nachmittag und die Ausflügler in den Gran Paradiso Nationalpark kehren zurück. Turin ist nur 80 km weg und so ist das hier eben wie am Tegernsee an einem schönen Oktobersonntag. Aber auch wir sind ja nichts anderes als Touristen.
Nach einer Pause statten wir dem Noaschetta Wasserfall noch eine Besuch ab. Noch vor rund 150 Jahren galt er als schreckenerregendes Wunder in den Alpen, und auch heute noch beeindruckt es durchaus, hinter dem Wasserfall hindurch zu spazieren, auch wenn wir mit den Badeschlappen hier herauf gestiegen sind.

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Am Morgen schließt sich uns Bernard an, ein Schweizer aus dem französischen Teil, der aber sehr gut Deutsch spricht. Und er hat viel zu erzählen, war er doch vor seiner Pensionierung Professor für Wirtschaftswissenschaften und ein allseits gebildeter Mann, der viel in der Welt und den Bergen herumgekommen ist. Eine äußerst angenehme Gesellschaft. Gemeinsam staunen wir auf dem Sentiero delle Frazioni Alte über die Fresken an den verfallenden Häusern, die Almen und die Schulhäuser, die es dort selbst in den kleinsten Orten gab. Keiner der Orte ist mit dem Auto zu erreichen.

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Ein lang fallender Weg bringt uns dann nach Ceresole Reale am gleichnamigen Stausee. Dort trennen sich leider unsere Wege, denn wir wollen nun einen Abstecher in den Gran Paradiso Nationalpark machen. Von Ceresole aus kann man auf der Straße noch bis zum 2600 Meter hohen Colle del Nivolet fahren, wir aber wollen auf dem ehemaligen königlichen Reitweg hoch über der Straße dorthin wandern. Leider ist das Wetter an diesem Tag nicht optimal, so dass wir ein Stück weiter die Straße entlanggehen, bevor wir nach einem langen Aufstieg in fast 2500 Metern Höhe den Reitweg erreichen, der die fünf königlichen Jagdhäuser verbindet. Mit wenig Höhenunterschied und fantastischem Ausblick auf die Tre Levanne (3600m) geht es einige Stunden entlang bis zum Colle del Nivolet und dann nur weniges nach unten zum Refugio Savoia. Zum Abendessen gibt es die lokale Spezialität, Polenta mit Ragout.

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Mit wenig Gepäck machen wir uns am nächsten Tag bereits um 5:30 auf, um den Taou Blanc (3438m) zu besteigen. Der Berg ist gletscherfrei und sollte mit unserer Ausrüstung machbar sein. Ein glasklarer aber bitterkalter Morgen erwartet uns. Alles ist beinhart gefroren. Im Morgenlicht spiegeln sich die umliegenden 3000er in den vielen Bergseen auf der Hochebene Plan Rosset. Lange zieht es sich und auch einige Schneefelder, die noch pickelhart und gerade so eben ohne Steigeisen machbar sind, werden überwunden, bevor wir auf dem Gipfel stehen. Genau gegenüber prangen der Gran Paradiso und der Herbetet und in der Runde alle Viertausender vom Mont Blanc bis zum Monte Rosa. Ein Traum! Im Abstieg sind die Schneefelder nun weich und wir können einige Höhenmeter die Knie schonen, bevor wir wieder durch die blühenden Wiesen am Plan Rosset zurück zum Colle wandern. Hier sind es noch Alpenprimeln und Alpenkuhschellen, die in voller Blüte stehen.

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Den Weg zurück nach Ceresole nehmen wir den Bus, der hier in den Sommermonaten kostenfrei verkehrt. Das Posto Tappa ist in Ceresole in einem Lokal namens Fonti Minerali untergebracht. Dem Namen entsprechend fließt in einem Raum des Gebäudes eine stark eisenhaltige Quelle, die bereits bei den Römern und davor bekannt war, die hier auch schon Eisenbergbau betrieben haben. Einige Schautafeln verdeutlichen den Betrieb vom Abbau über die Verhüttung bis zur Schmiede. Weniger romantisch wirkt die riesige Staumauer, deren Krone wir am nächsten Tag überschreiten, um über den Colle della Crocetta nach Pialpetta zu kommen. Weiter geht es über die Laghi di Trione zum Colle di Trione.

Wir haben uns nun eine Alternative ausgedacht, denn wir wollen unsere Biwakmöglichkeit ja auch ausnutzen. Daher verlassen wir im Abstieg den normalen GTA und steigen auf wenig erkennbarem Pfad zum Bivacco Bruno Molino auf, immer mit Blick auf den Felsklotz der Uja di Mondrone. Die Hütte liegt gut eingebettet im Schutz riesiger Felsblöcke auf 2300 Meter mit freiem Blick nach Süden. Etwas Sorgen machen uns die ausgetrockneten Bäche, denn ohne Wasser würde es eine harte Nacht werden. Doch fünf Minuten vor der Hütte gibt es eine muntere Quelle mit einem kleinen Naturbecken dazu, das für eine Waschung ausreichen sollte.

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Und dann sehen wir einen weiblichen Steinbock, der uns neugierig begutachtet. Schnell wird fotografiert, denn das Tier könnte ja sofort wieder verschwinden. Es macht aber keine Anstalten und als wir die letzten Meter auf die Hütte zugehen, werden wir in wenigen Metern Abstand begleitet. Vor der Hütte wird uns auch bald klar warum, denn dort taucht nach und nach die ganze Herde auf, deren Leittier uns zuerst entdeckt hat. Auch Jungtiere sind dabei. Als wir dann, nachdem wir das Gepäck abgeladen haben, zum Wasserholen gehen, beschließen wir, die Hütte zu versperren, denn die Tier sind so neugierig, dass wir um unsere „gesalzenen“ Bergshirts fürchten. Auch beim Baden werden wir genau begutachtet, bevor die Herde der sinkenden Sonne nach über die Matten weiterwandert. Ein kräftiger Wind zwingt uns bald in die Hütte, wo wir unser Abendessen kochen und früh in die Schlafsäcke kriechen. Es war ein langer Tag mit gut 2000 Höhenmeter im Aufstieg.

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Auch am nächsten Tag Sonne von früh bis spät. Wir wollen erneut in einem Biwak übernachten und haben daher zuerst einen Abstieg, und am Nachmittag dann einen langen Aufstieg vor uns. Dazwischen hoffen wir, in Balme etwas Proviant kaufen zu können.

Balme gilt so ein bisschen als die Wiege des Bergsteigens, hier bildete sich die erste Bergführer-Vereinigung heraus und hier wurde auch der italienische Alpenverein gegründet. Die Tage des Glanzes sind schon etwas verblasst, aber immer noch ist Balme ein schöner Ort.

Im ältesten Teil gibt es große, mit Steindächern überdeckte Flächen, die ganze Häuser verbinden. Der Grund hierfür waren die großen Schneemengen früher. Nur auf diese Weise konnten die Menschen ohne Aufwand im Winter von Haus zu Hause gehen. Auf den steilen Felsplatten südlich des Ortes wurden früher im Winter die Ziegen zu den spärlichen Grasflecken gebracht, da dort bereits zeitig Futter verfügbar war. Zum Teil sind im extrem steilen Gelände Ritzzeichnungen der Kinder zu finden, die dort die Tiere hüten mussten. Heute verbindet ein gesicherter Klettersteig diese Orte.

Nach einer langen Pause an einer Gumpen steigen wir auf zum Bivacco Gandolfo. Es ist Samstag Nachmittag und wir gehen davon aus, dass wir nicht alleine sein werden, wie gestern. Eine Gruppe junger, italienischer Frauen mit großen Rucksäcken bestärkt uns und eine Rückfrage ergibt, dass sie auch das Biwak zum Ziel haben. Es sind sieben Personen und das Biwak hat nur neun Plätze. Würde also gerade noch passen. Als wir aber am Biwak ankommen, finden wir bereits das Gepäck von einigen Personen vor. Außerdem ist neben den Schlafplätzen kaum Platz in der Hütte. Wir beschließen also, vor der Hütte zu schlafen.

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Ein schönes Plätzchen mit weichem Gras ist gottseidank bald gefunden und weil es nach dem Abendessen und der Flasche Wein, die ich hochgetragen hatte, rasch kühl wird, ist auch heute früh Ruhe. Die Italienerinnen hatten noch einen riesigen Topf und jede Menge Lebensmittel ausgepackt und auf dem offenen Feuer unter viel Gelächter und Scherzen ihre Suppe gekocht, aber auch sie werden bald von der Kälte in die Hütte getrieben. Der nächste Morgen sieht uns bereits vor Sonnenaufgang auf den Beinen. Die von Reif bedeckten Schlafsäcke werden schnell verstaut und wir setzen uns ohne Frühstück in Bewegung, um wieder warm zu werden. Auch heute haben wir noch einen langen Tag vor uns, denn wir müssen wieder in den Rhythmus der GTA einklinken und planen daher, heute eineinhalb Etappen zu gehen.

Erst auf der Colle Costa Fiorita machen wir dann Frühstück und genießen den Rundblick über die steilen Berghänge voller Blumenwiesen und - hoppala - drei mächtigen Steinböcken. Im Sommer führen die Steinböcke ja ein nach Geschlecht getrenntes Leben. Es steht uns nun ein steiler Abstieg über 1600 Meter bevor, vor dem uns schon etwas graust. Tatsächlich ist es auch so, dass man fast jeden Meter konzentriert steigen muss auf dem schmalen, teilweise überwachsenen Pfad in den steilen Grashängen. Erst weit unten im Wald wird es etwas besser.

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Zuerst einmal aber ein „Kulturschock“, denn in Usseglio ist der einmal jährlich stattfindende Käsemarkt, der anscheinend recht bekannt ist, denn die Straße kann nur mit Hilfe der Polizei überquert werden, die den unablässigen Strom der Fahrzeuge ab und an stoppt. Aber es ist auch spannend, zwischen Dutzenden von Käsesorten, lokalen Wursterzeugnissen und anderen Köstlichkeiten herumzuschlendern. Leider können wir nur sehr wenig mitnehmen. Der Tag ist schwül, der vorhergesagte Wettersturz lässt sich schon erahnen, und so sind die folgenden Kilometer auf Teer wenig erfreulich.

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Wie bereits in den letzten Berichten erwähnt, spielt Wasserkraft eine bedeutende Rolle in den Tälern, die im Halbkreis um die Industrieregion von Mailand und Turin angeordnet sind. So auch hier. In den 20 Jahren wurde der Stausee Lago de Malciaussia gebaut. Das gleichnamige Dorf versank dabei in den Fluten. Zur Unterstützung der Bauarbeiten zwischen einem benachbarten Stausee und hier wurde eine Schmalspurbahn, eine sogenannte Decauville Eisenbahn erbaut, die in gut 1900 Meter Höhe fast hangparallel die beiden Seen verbindet. So eine Eisenbahn ist im Prinzip ein Bausatz aus transportablen Teilen, die vor Ort zur fertigen Bahn zusammengesetzt werden können, von den Schienen über die Wagen bis zur Lok. Wir wandern einige Kilometer darauf entlang und sinnieren darüber, wie sich die Menschen hier geschunden haben, um diese Bahn zu errichten und was heute noch davon übrig ist. Für uns ein wunderbarer, aussichtsreicher Weg. Kurz vor Erreichen des Stausees, an dem auch unser Quartier liegt, beginnt es zu regnen und wir sind froh um den beheizten Gastraum des Refugio Vulpot.

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Am nächsten Tag regnet es noch immer und nicht viel weiter oben ist die Schneefallgrenze zu erkennen. Wir müssen heute auf den Colle Croce di Ferro, 2546m hoch, und es ist klar, dass es durch den frischen Schnee gehen wird. Zum Glück ist es nur eine sehr kurze Etappe, denn bereits auf der Capanna Sociale Aurelio Ravetto wollen wir wieder übernachten. Eine alte Militärstraße führt in angenehmer Steigung nach oben, aber je näher wir dem Übergang kommen, desto unangenehmer wird der Wind, die Kälte und der Schneefall. Auch Mitte Juli muss man in den Bergen eben auf jedes Wetter gefasst sein und so schlüpfen wir in unsere Handschuhe, die Regenhose und den Anorak. Dennoch sind wir froh, bald die Hütte zu erreichen. Das Gebäude ist ein ehemaliger Soldatenunterstand und entsprechend wenig anheimelnd von außen, und auch innen sehr karg ausgestattet. Die Hüttenwirte haben heute nicht mit Besuch gerechnet und daher das Feuer im Gastraum ausgehen lassen. Nun bemühen sie sich, es rasch wieder in Gang zu bringen, und nach einiger Zeit knackt es ganz munter im Ofen obwohl jedes Scheit abgemessen ist, denn alles muss per Helikopter oder mit dem Muli auf die Hütte gebracht werden. So gibt es auch kaum Wasser und keine Kühlung, so dass Milch, Butter und Wurst zum Beispiel beim Frühstück fehlen. Aber durch Herzlichkeit wird ersetzt, was an Üppigkeit fehlt. Kein schlechter Tausch. Die „Oma“ auf der Hütte ist bereits 97 Jahre alt und verbringt den ganzen Sommer hier oben unter einfachsten Verhältnissen. Sie ist den ganzen Nachmittag unterwegs und hat immer was zu besorgen und zu erledigen auf der Hütte.

Der Wetterbericht hat versprochen, dass es am nächsten Tag bald aufklart, und so kalkuliere ich damit, dass die kräftige Sonne den Schnee rasch wieder verschwinden lässt. Wir wollen auch hier einmal mehr von der normalen Wegführung der GTA abweichen und über die Hütte Ca d‘Asti auf die Rocciamelone steigen. Der Schnee bereitet uns aber etwas Bauchschmerzen, denn der Berg ist immerhin 3500 Meter hoch. Ein Anruf unserer Hüttenwirtin bei der Nachbarhütte ermutigt uns auch nicht so sehr, denn der Kollege berichtet, dass oberhalb der Ca d‘Asti kniehoch der Schnee liegt. Dennoch wollen wir zumindest zur Hütte gehen.

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Wie vorhergesagt kommt am nächsten Morgen rasch die Sonne zum Vorschein und überall rauscht und plätschert der geschmolzene Schnee zu Tal. Der Weg zur nächsten Hütte führt in einer langen Hangquerung hinauf bis auf 2800 Meter. Wieder einmal schreibt der Führer von schwierigen Passagen, bei Nässe zu widerraten und dergleichen mehr. Die Hüttenwirtin aber sagt, dass es in ein paar Stunden kein Problem sein sollte, den Weg zu gehen, sodass wir uns auf ihre Ortskenntnis verlassen und kurz vor Mittag aufbrechen. Im zunehmenden Nebel wandern wir durch endlose Blumenhänge hinüber zur nächsten Hütte, die wie gerade zur Kaffeezeit erreichen. Deutlich getrübt wird der Genuss dadurch, dass alles in Einmalgeschirr serviert wird, aber auch auf dieser Hütte gibt es kaum Wasser und möglicherweise ist dies der Preis des Wassermangels.

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Eigentlich wollten wir heute noch bis zum Gipfel aufsteigen, um dort auf dem Biwak zu übernachten, aber der Gipfel steckt im dicken Nebel und es ist nicht gut zu erkennen, ob der Schnee bereits wieder ausreichend abgeschmolzen ist. Außerdem habe ich einfach keinen Biss mehr, um den ganzen Plempel samt fünf Liter Wasser drei Stunden nach oben zu tragen, denn natürlich gibt es auch auf dem Gipfel kein Wasser. Daher übernachten wir in einem riesigen Lager mit dreistöckigen Betten auf der Hütte. Es sind aber nur insgesamt vier Gäste auf der Hütte. Der Grund für die große Hütte hier ist, dass auf dem Gipfel der Rocciamelone der höchst gelegene Pilgerort der Alpen liegt. Die Hütte gehört der katholischen Kirche und ist einmal im Jahr zur großen Pilgerfahrt rappelvoll. Auch sonst soll das Haus an den Wochenenden gut frequentiert sein. Der Legende nach soll Bonifacio Rotario d‘Asti 1358 als Dank für die Befreiung aus muslimischer Sklaverei ein Marientriptychon auf den Gipfel gebracht haben. Die Jahreszahl dürfte wohl stimmen, der Anlass war aber wohl eher der Sieg in einem Handelsstreit. Immerhin ist es die früheste belegte Besteigung eines Berges dieser Höhe. Dort wo heute sein Haus (die Übersetzung von Ca d‘Asti) steht, soll er auf seiner Pilgerfahrt unter einem Felsen übernachtet haben. Der Weg zum Gipfel ist wegen der zahlreichen Pilger gut ausgebaut und versichert.

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Ersatzweise beschließen wir, sehr zeitig aufzubrechen, um möglichst zum Sonnenaufgang auf dem Gipfel zu stehen. Ganz schaffen wir es trotz Aufbruchs um 4.30 Uhr nicht, aber noch steht die Sonne sehr niedrig und der Schatten des Berges fällt weit über das Land, während hinter der Dauphine der Vollmond verschwindet, als wir am Gipfel stehen. Kaum ein Gipfel in den Alpen gewährt einen besseren Blick über die Alpen. Vom Monte Rosa über Matterhorn, Grandes Jorasses und Mont Blanc zur Barre des Ecrins und zum Mont Viso schweift der Blick. Die Richtigkeit unserer Bestimmungen bestätigt die Bronzeplatte am Gipfel mit den eingravierten Bergnamen. Ein wirklich würdiger Abschluss unserer diesjährigen Wanderung, denn nun geht es nur noch 3000 Meter bergab nach Susa. Das wollen wir uns aber nicht an einem Tag antun, denn wir wollen ja noch länger in die Berge gehen (und auch wieder runter). Daher Übernachten wir noch einmal im Posto Tappa von Il Trucco. Im Anmarsch sage ich, dass nun noch zwei Liegestühle unter einem Sonnenschirm für den Nachmittag zu Verfügung stehen sollten und genau so ist es dann auch. Wechselweise blicken wir nach oben zur Rocciamelone, die immer wieder im Nebel verschwindet, und in den Dunst von Susa. Noch einmal werden wir gut bekocht und schlafen in vollkommener Stille.

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Susa ist eine alte Stadt und war immer schon ein wichtiger Übergang nach Frankreich. Daher haben auch die Römer hier in Form eines Amphitheaters und eines Aquäduktes ihre Spuren hinterlassen. Der Triumphbogen zu Ehren des Kaisers Augustus wurde in den Jahren 9 und 8 vor Christus erbaut. Quirlig ist die Stadt immer noch, mit zahlreichen Bars und Restaurants und einer schönen Altstadt mit eindrucksvollen Palazzi und Bürgerhäusern. So verbringen wir einen entspannten Nachmittag mit etwas Sightseeing, bewundern noch die abendliche Stadtbeleuchtung, und machen uns am nächsten Tag mit dem Zug auf den langen Nachhauseweg.

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