Urner Haute Route & Mont Blanc
April 2018

von Tobias Baton

Endlich, es war soweit, wir standen am 07 April 2018 um 5 Uhr morgens am Parkplatz und luden den VW Bus ein. Letzte Checks wurden durchgeführt: Felle, Pickel, Steigeisen, Seil, Prusik, etc. alles da, dann gut, durchatmen. 8 Tage Abenteuer standen uns bevor, zuerst die Urner Haute Route und danach, als eigentlicher Höhepunkt, die Besteigung des Mont Blancs. Mit 4810 m, nach wie vor, der höchste Berg der Alpen und das Ziel vieler Bergsteigern. Thomas Sigrüner, unser Tourenführer, hat mit der Urner Haute Route eine optimale Tour ausgewählt, um uns für den höchsten Gipfel der Alpen vorzubereiten. Die 5-Tages Tour führt von Realp (Andermatt) bis nach Engelberg und gab uns mit dem entsprechenden Höhenprofil, stetig zwischen 2000 – 3500 m, die Möglichkeit, uns langsam an die Höhe zu akklimatisieren. Von Süden nach Norden führt die Route, optimal für eine Frühjahrstour, morgens steigt man im Sonnenschein auf, mittags fährt man die mit Pulverschnee geschwängerten Nordhänge ab, so zumindest die Theorie. Die gesamten Höhenmeter der Urner Haute Route belaufen sich auf ca. 6000 m.

Wir, das sind 6 Kameraden(innen) der Berge: Thomas Sigrüner, Elke Weinfurtner, Bernhard Warter, Eric Busch, Felix Schumacher und meine Wenigkeit Tobias Bathon. Vorweg, obwohl wir uns nur vereinzelt kannten, haben wir prächtig harmoniert und waren ein super Team. Hier einmal ein Dankeschön an Alle, fantastisch war‘s. Ein besonderes Dankschön gilt unserem Guide Thomas, der uns mit seiner Erfahrung, Knowhow und Weitsicht hervorragend führte und uns des Öfteren zeigte, was eigentlich so alles möglich und machbar ist.

Urner Haute Route

Urner Haute Route

Nach der langen Anfahrt ging es bei bestem Kaiserwetter los und zwar zur Albert-Heim Hütte (2543m). Es war ein Genuss bei frühlingshaften Temperaturen und Endlossicht aufzusteigen. Rasch kamen wir vorwärts und bald konnten wir auf der Hüttenterrasse unsere Blicke auf die umliegenden Berge schweifen lassen. Am nächsten Tag um 5:30 Uhr war Weckzeit, und vor Sonnenaufgang ging es los. Wir wollten ja noch vor hohem Sonnstand und etwaiger aufkommender Lawinengefahr sicher auf der nächsten Hütte sein. Mit Euphorie ging es in die erste Abfahrt und nach den ersten Schwüngen war uns klar, heute ist leider nichts mit Champagner-Powder. Stattdessen wartete allerfeinster Bruchharsch in seiner besten Form auf uns. Nach kurzer Abfahrt wurde aufgefellt und wir schritten aufwärts in Richtung Lochberg (3074m), unserem ersten Gipfel. Auf den letzten Höhenmetern schnallten wir die Ski an die Rücksäcke und durch luftiges Gelände stiegen wir weiter bis zum Gipfel. Wir genossen die herrliche Aussicht und das einfache Klappbrot und der warme Tee schmeckten hervorragend. Nach entspannender Rast empfing uns die erste längere Abfahrt, ca. 1200 Höhenmeter ins Göschener Tal. Teilweise sehr steil und im besten Bruchharsch ging es bergab und wir erreichten nach anstrengenden Schwüngen und nicht einfacher Wegfindung den Göscheneralpsee. Bei fast sommerlichen Temperaturen stiegen wir über einen langen Aufstieg zur Chelenalphütte (2350m) auf. Im Winterlager machten wir uns gleich ans Schneeschmelzen und bei guten Spaghetti „ala Busch“ und gutem Rotwein wurde es immer gemütlicher. Über Nacht schlug das Wetter um und die ersten Windböen rüttelten an der Hütte.

Urner Haute Route

Am nächsten Morgen führte der Weg direkt hinter der Hütte steil nach oben. Bei teilweise bis zu 45 Grad Steigung und vereistem Hang waren Harscheisen Pflicht, in den besonders steilen Passagen stießen wir an unsere Grenzen und zogen sicherheitshalber die Skier aus. Richtung Sustenlimi wurden die Windböen immer stärker und die Sicht immer schlechter. Am Joch angekommen mussten wir einsehen, dass eine Gipfelbesteigung des Sustenhorns (3503m), dem höchsten Punkt der Urner Haute Route, leider nicht möglich war. Bei den starken Windböen (ca. 100 km/h) war das Abfellen eine Herausforderung, die Ski glichen Windsegeln. Hier bewährten sich die einstudierte Handgriffe mit Handschuhen. Die sichere Wegfindung durch die weiße Nebelwand war eine Meisterleistung.

Urner Haute Route

Mit fortschreitender Abfahrt wurde die Sicht langsam besser. Hinab ging es über steile Flanken und wie schon erwartet über eisigen Schnee oder feinsten Bruchharsch bis zum Alpin Center Sustenpass. Hier durften wir uns mal wieder über eine heiße Dusche freuen, die 5 Minuten heißes Wasser fühlten sich so gut an wie ein ganzer Tag in einer Wellnessoase. Nach der erholsamen Übernachtung brachen wir zeitig auf, unser Ziel war der Fünffingerstock (3000 m), durch das Obertal erreichten wir nach 1300 Hm Anstieg den etwas versteckten Gipfel. Wie zuvor beim Heiligen Petrus bestellt, kam nun etwas die Sonne hindurch und die Brotzeit schmeckte bei dem schönen Bergpanorama besonders gut. Die Abfahrt durch eine steile, vereiste Rinne führte uns wieder zu unserem Lieblingsuntergrund, dem astreinen und perfekten Bruchharsch, der uns bis in die Anfänge des Meientals begleitete.

Urner Haute Route

Der kräftezehrende Aufstieg zur zugeschneiten Sustil Hütte (2257 m) bleibt wohl noch einigen in bester Erinnerung. Am 5. und letzten Tag durften wir nochmal an den 3000 Metern kratzen, wir stiegen auf zum Grassen (2946 m). Von der Gipfelflanke schauten wir direkt auf die mächtige Titlis Südwand, imposant ragt sie über 500 Meter senkrecht empor. Nach dem frischen und windigen Gipfelfoto tauschten wir die Steigeisen mit Skiern und los ging es in die 1800 HM lange Abfahrt Richtung Engelberg. Steil ging es wieder runter, anfänglich vereist, gefolgt von dem schon vertrauten Bruchharsch. Und dann kam er endlich, der Hang in der Sonne, wie der heilige Gral sah er aus. Nahezu perfekt, ja, das sah aus wie Firn, echter Firn. Darf das wahr sein, ganze 100 Höhenmeter Firn. Anstatt dem Fluchen konnte man nun Freudenjodler bei schönen eleganten Genussschwüngen vernehmen. Dauergrinsen machte sich breit, schön war es, kurz, aber intensiv, alles gut. Nach etwas abenteuerlicher Wegfindung schritten wir auf grünem Rasen zum Endpunkt der Tour. Das Taxi wurde angerufen und es ging retour nach Realp zum VW Bus. Die Urner Haute Route war bezwungen, laut Hüttenwirtin der Süstlihütte erreichen nur 20% der angesagten Skitourengeher das Ziel. Wir waren sehr froh und zufrieden über diese Leistung.

Mont Blanc

Nun ging es nach Chamonix, in das berühmte Bergsteigerdorf. Einige von uns waren schon dort, für andere, wie für mich, war es das erste Mal. So oft haben wir davon gehört und gelesen. Ja, es hatte sich bestätigt, es hat dieses gewisse Flair, diese gewisse Stimmung liegt in der Luft – aufbrecherisch und abenteuerlich. Es begleitet einen auf Schritt und Tritt. Und dann sehen wir ihn das erste Mal, majestätisch sieht er aus, der Gipfel ganz weit oben, der Mont Blanc. Hier wird einem wieder bewusst: die Westalpen sind ein anderes Kaliber als die Ostalpen. Wie hoch das hinauf geht, fast unwirklich. Chamonix liegt auf ca. 1000 Meter und der Gipfel des Mont Blanc befindet sich auf 4810 m. Man schaut ganze 3800 Meter hinauf zum Gipfel. Das muss dann erstmal in die Birne rein. Aber wie war das Wetter, wie waren die Bedingungen? Es hatte viel geschneit. Wir wollten über die lange Cosmique Route zum Gipfel (ca. 1700 Höhenmeter). Im OHM (Office Haute Montagne) meinten die Bergführer, diese Route sei zurzeit nicht ersteigbar. Es hatte viel geschneit, es bestand hohe Lawinengefahr und die Route ging schon seit über 2 Wochen keiner mehr. Die einzige mögliche Variante war die Normalroute über die Grand Mulets Hütte (3051m) und den Bossons Grat (ca. 1800 Höhenmeter). Und selbst dies war fraglich, meinten die lokalen Bergführer. Das Wetter sei sehr wechselhaft gemeldet. Wir nahmen die Info auf und entschieden uns, zunächst eine Nacht auf der legendären d’Argentiere Hütte zu übernachten. Mit der Grand Montets Seilbahn ging es auf 3275m. Auf der Bergstation angekommen, blies uns der Wind mal wieder gewaltig um die Ohren. Nach wilder, angeseilter und holpriger Skiabfahrt auf den Glacier d’Argentiere gingen wir rasch weiter zur Hütte, der Wind stetig und unbeugsam in unsere Gesichter blasend.

Urner Haute Route

Die meisten der Gäste starten hier die wohl bekannteste der unterschiedlichen Haute Route, nämlich die nach Zermatt. Am nächsten Morgen meinte es Petrus gut mit uns, mit der Sonne im Gesicht stiegen wir zum Col du Tour Noir auf. Bei grandioser Aussicht stürzten wir uns endlich in die erste Abfahrt im besten Pulverschnee. Ja mei, so schön war’s ... . Am späten Morgen ging es zurück ins Tal und weiter zur Talstation der berühmten Aiguille du Midi Seilbahn. Am Abend zuvor auf der d‘Argentiere Hütte hatten wir uns entschieden, den Aufstieg über die Normalroute zu wagen. Wir fuhren bis zur Mittelstation Plan de l’Aiguille (2310 m) auf. Über den Glacier des Bossons ging es bei atemberaubender Aussicht und steilen Querpassagen und Aufstiegen über ca. 1000 Höhenmeter zur Gran Mulets Hütte. In dem Moment, als wir uns für die letzten paar Höhenmeter auf den abenteuerlichen „Hüttenaufstieg“ vorbereiteten, landete ein Hubschrauber auf dem Hüttendach. Eine recht gemütliche Art und Weise die Hütte zu erreichen, dachten wir. Auf der Hütte angekommen, stellten wir fest, dass es sich um ein Kamerateam von Red Bull handelte. Sie wollten am nächsten Tag ein ausgewähltes, internationales Skibergsteigerteam bei der Mont Blanc Besteigung und Abfahrt filmen. Cool, dachten wir, evtl. kommen wir noch ins Fernsehen.

Urner Haute Route

Außer dem Kamerateam befand sich noch eine französische 2er Seilschaft auf der Hütte. Ansonsten war nichts los, eher ungewöhnlich, da die Grant Mulets normalerweise ausgebucht ist. Hatten halt kein ideales Wetter, es war halt so halb und halb. Wir befragten die jungen Hüttenwirte über die Bedingungen und sie meinten, sie kamen heute nur selber ca. 200-300 Hm weit, es war zu lawinengefährdet, es hatte viel geschneit, ca. 30 cm Neuschnee. Eine Aufstiegsspur ist nach diesen ersten Metern also nicht vorhanden. Somit wussten wir, dass wir den größten Teil der 1800 Hm spuren mussten. Auch machte ein frühes Aufbrechen keinen Sinn, da es wohl nicht so einfach ist, bei Dunkelheit im steilen und unbekannten Gelände den Weg zu finden.

Wir entschieden uns, den Franzosen den Vortritt zu lassen und brachen erst um 5 Uhr auf. Die Entscheidung machte sich bezahlt, denn die Franzosen kamen nur langsam voran. Den suchenden Lichtkegel ihrer Stirnlampen konnten wir schon von weitem beobachten. Als wir sie nach ca. 300 HM überholten, entschieden sie sich für die Umkehr, sie sahen etwas zermürbt aus. Nun waren wir praktisch alleine am Berg. Wir wussten nur, die Berufsbergsteiger von Red Bull würden uns irgendwann einholen. Geführt von Thomas ging es Schritt für Schritt und Meter für Meter bergauf, das Wetter schwang langsam um und es zog mehr und mehr zu. Je näher wir zum Col du Dome kamen, desto heftiger pfiff uns der Wind um die Ohren. Nach ca. 6 Stunden Aufstieg erreichten wir um 12 Uhr die Biwakschachtel auf 4362m Höhe. Knapp davor zwangen uns Blankeispassagen von Skiern auf Steigeisen umzurüsten. Etwa 100 Höhemeter vor dem Biwak überholten uns die ersten Red Bull Profis und bedankten sich für die Aufstiegsspur. In der Biwackschachtel tauschte man sich mit dem internationalen Team aus, das machte Spaß. Neben dem deutschen Philipp Reiter aus Bad Reichenhall, dem Österreicher David Wallmann, ist auch Mark Smiley aus den USA dabei, der unter anderem schon die längste Skiabfahrt der Welt vom Mt. St. Elias bewältigte. Die Ski und Rucksäcke ließen wir am Biwak zurück und gingen mit Steigeisen und Pickel weiter. Das Red Bull Team startete 5 Minuten vor uns. Wir wollten eigentlich deren Spur folgen, aber leider mussten wir feststellen, dass die Spur schon wieder zugeweht war. Die Sicht wurde nicht besser, wir hatten Schwierigkeiten den Bossons-Grat überhaupt zu finden. Mühselig kämpften wir uns Schritt für Schritt weiter, heftige Windböen von ca. 100 km/h zwangen uns immer wieder inne zu halten und uns am Eispickel festzuhalten, um nicht vom Grat gefegt zu werden. Auf einer Höhe von ca. 4650m kam uns das Red Bull Team wieder entgegen. Wir glaubten erst sie wären schon auf dem Gipfel gewesen, aber ihre enttäuschten Gesichter ließen uns anderes vermuten. Einer von Ihnen hatte eine Schneewechte losgetreten und entging dabei knapp dem Absturz. Daraufhin hatten die Profis entschieden, umzukehren.

In dem Moment war auch uns klar, dass es heute keinen Zweck hatte. Die schlechte Sicht, der starke Wind und die bittere Kälte hatten auch uns schon ziemlich zugesetzt.


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