Grande Traversata delle Alpi
Teil II, August 2018

von Markus Tiefenthaler

Wie bereits angekündigt, entwickelt sich diese Geschichte zu einem Fortsetzungsroman. Erneut wollen wir im August 2018 innerhalb von zwei Wochen mehrere Etappen der GTA unter die Sohlen nehmen. Diesmal soll es vom „eigentlichen“ Startpunkt der GTA in Molini di Calasca bis ins Aostatal gehen. Insgesamt elf Etappen sind vorgesehen, wir haben also genug Puffer, um auch mal einen Ruhe- oder Schlechtwettertag zu verbringen. Aber wieder wird es ein bisschen anders kommen …

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Wir beschließen, diesmal umweltverträglicher anzureisen, aber die beteiligten Bahnen machen es uns nicht wirklich leicht. Von vereinigtem Europa kaum eine Spur. Eine allgemeine Preisauskunft im Internet? Fehlanzeige. Durchgehende Züge? Fehlanzeige. Sparpreise? Große Fehlanzeige. Ja, es gibt solche, aber man hätte mindestens sechs Monate vorher fest buchen müssen. Und die kürzeste Route über die Schweiz ist preislich sowieso keine Option. Auf der Suche nach einer Alternative kommt man kaum an den Fernbussen vorbei und so wählen wir diese Option. Zwei Personen für knapp 50 Euro von München nach Mailand? Kaum zu glauben, aber wahr. Der Bus ist voll, die Nachtfahrt auch nicht wirklich ein Vergnügen, doch auf die Minute pünktlich erreichen wir den zentralen Busbahnhof in Mailand. Es ist alles ziemlich knapp durchgetaktet, denn am Samstag fährt genau ein passender Bus von Domodossola nach Macugnaga, den es zu erreichen gilt. Und es klappt alles wie am Schnürchen. Dank eines Italieners, der uns in Mailand mit dem Ticketautomaten hilft und der Entscheidung, den teureren Schnellzug zu nehmen, haben wir in Domodossola noch die Zeit für einen Cappuccino.

Gegen Mittag spuckt uns dann der Bus im Valle Ancasca aus und ab jetzt geht es nur vorwärts, wenn wir unsere Beine bewegen. Also die Rucksäcke geschultert und sofort hinein in die Einsamkeit. Bis auf ein paar Goldsucher und ein kalifornisches Paar auf der Biwakhütte wird uns an diesem ersten Tag niemand mehr begegnen. „Weicheier“ vermeiden diese erste Etappe, denn zum einen führt sie auf einem steilen Schinder mit wenig Aussicht bergauf und zum anderen wartet am Ende des Tages eine unbewirtschaftete Hütte. Wir aber können diesen Tag nutzen, um einen Gang zurückzuschalten. Grandiose Natur hätten wir nach der Nachtfahrt ohnehin nicht wirklich genießen können.

Die Kalifornier haben eine ganz eigene Einstellung zum Biwak, aus ihrer Sicht ist das schon purer Luxus, denn in ihrer Heimat ist meist das eigene Zelt mitzutragen. Hier aber waren Betten und Decken, ein Herd und Holz und sogar ein Gasofen zum Kochen da. Jedes Jahr seit der Pensionierung, so erzählten sie uns, kämen sie für 30 Tage nach Europa, um die fantastische Infrastruktur in den Alpen mit Hütten und markierten Wegen zu genießen.

Sehr früh am nächsten Morgen machen wir uns auf, denn die Erfahrungen der letzten Jahre haben uns gezeigt, dass häufig am strahlenden Himmel rasch Quellwolken entstehen, die dann jede Sicht auf den Graten oder Übergängen verdecken. Das wollen wir nicht, denn bereits heute verspricht der Führer einige grandiose Blicke in das nahe Wallis und besonders die Monte-Rosa-Gruppe. Kalter Wind lässt uns noch ein wenig schaudern, aber der Weg sorgt für rasche Durchblutung und die perfekte Sicht für zusätzliches Adrenalin. So beschließen wir gleich am ersten Übergang, die Rucksäcke stehen zu lassen und auf den nahen Pizzo Camino aufzusteigen. Goldrichtige Entscheidung, denn vom Val d‘Ossola zu unseren Füßen, über das Val Grande, bis zu den blinkenden Viertausendern des Wallis und des Berner Oberlandes reicht der Blick. Weit unten kommt allmählich auch das Biwak Alpe del Lago in die Sonne.
Durch einen weiten Talkessel mit Schwarzerlen erreichen wir den Lago di Ravinella. Ein Bad ist nicht zu vermeiden, allerdings führen die glitschigen Steine am Ufer dazu, dass ein Blitzstart in das tiefe Wasser fällig wird. Selbst Ende August ist das Wasser in über 2000 Metern Höhe eindeutig erfrischend.

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Noch ein kurzer Umweg auf die Cima Ravinella, wo Einheimische eine Bergmesse feiern. Lange noch sehen wir während des Abstiegs den Priester in seinem weißen Gewand auf dem Gipfel stehen. Unsere zweite Nacht verbringen wir im Posto Tappa von Campello Monti. Die Unterkunft ist im alten Schulhaus eingerichtet worden und sehr gut gepflegt. Die Familie eines Bauern, der in der Nähe eine Alm bewirtschaftet, unterhält die Räumlichkeiten. Ein schönes, erstes Beispiel dafür, wie sich entlang der GTA in ehemals verlassenen Bergdörfern des Piemont wieder Leben entwickelt (der letzte Bewohner von Campello Monti, der dort ganzjährig lebte, ist schon 1980 verstorben). Ehemalige Einwohner oder deren Nachkommen kehren zurück und richten in leerstehenden Häusern Wohnungen und Wirtschaften ein. Viele werden auch verkauft und als Ferienhäuser genutzt. Und auch wenn sich diese Nutzungen sehr von dem früheren Leben hier unterscheiden – es ist immerhin Leben und die wunderschönen Orte sind vor dem Verfall gerettet. Im Winter stehen die Häuser allerdings nach wie vor leer. Leider eignen sich die Berge rundherum wegen der Steilheit meist wenig zum Skitourengehen, ansonsten wäre das sicher eine interessante Option.

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Auch der dritte Tag sieht uns bereits sehr früh unterwegs. Die Etappe sollte zwar nicht allzu lange sein, aber wieder verführt uns das traumhafte Bergwetter zu einer Variante: Von der Bocchetta di Campello, biegen wir ab, um über den langen Kammverlauf auf die Cima Altemberg zu steigen. Der deutsch anmutende Name ist vermutlich kein Zufall, denn wir nähern uns nun dem Herzland der Walser. Auf der Bocchetta di Campello haben die Bewohner der Bergdörfer viele hundert Jahre lang im Winter ihre Toten abgelegt, damit sie von der anderen Seite abgeholt und auf dem Friedhof beerdigt werden konnten.

Immer wieder treffen wir große Schaf- und Ziegenherden, zum Teil mit Hirten, zum Teil von Herdenschutzhunden bewacht, denn auch Wölfe sind hier zunehmend wieder heimisch. Überall wird auf Schildern gewarnt, sich den Herden zu nähern, da die Hunde dies als Bedrohung auffassen könnten. Schlecht, wenn dann eine Herde mit mehreren 100 Tieren den Weg blockiert. Eine Umgehung ist häufig wenig ratsam in dem steilen Gelände. Oft sind es junge Leute, die wir bei den Herden oder auf den Almen treffen. Manche, wie den Senner der Alpe Maccagna, verbindet die Tradition mit ihrer Alm. Seine Familie bewirtschaftet diese bereits in vierter Generation. Erreichbar ist sie nur zu Fuß mit Tragetieren in einem gut dreistündigen Marsch. Täglich werden auf der Alm 20 kg Käse produziert und am Ende des Sommers ins Tal gebracht. Wir treffen den Senner, wie er mit Kopfhörern auf den Ohren den Dung der Tiere auf den Wiesen verteilte. Der größte Teil des Käses ist schon ins Tal gebracht worden und wir können gerade noch ein ordentliches Stück des Toma di Maccagno ergattern.

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Zurück zu unserem dritten Tag: Ziel ist die Gemeinde Rimella (gegründet 1256). Ihre einzelnen Weiler verteilen sich auf einem Höhenrelief mit fast 1000 Metern Höhenunterschied. Postbote sein war hier früher wohl kein Spaß. Mittlerweile sind aber alle Ortsteile an den Südwesthängen über eine Straße erreichbar. Wie gesagt befinden wir uns nun im Herzen des Siedlungsgebietes der Walser. Diese deutschsprechende Gruppe, die ab dem 12. Jahrhundert aus dem Oberwallis heraus die Hochlagen der italienischen Südalpen bis zum Arlberg und Kleinwalsertal besiedelte, gründete dort die ersten Dauersiedlungen. In Resten überlebte die Sprache bis heute und viele Worte können wir als Deutsche – oder besser gesagt als Bayern – noch verstehen, wie etwa den Ausdruck Schupf. Grund für die Wanderungsbewegung war der Bevölkerungsdruck im Oberwallis, aber auch die politische Unterstützung durch die Grafen von Biandrate, denen Gebiete beiderseits des Hauptkammes gehörten.

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Im Gegensatz zur Italienisch sprechenden Talbevölkerung, die klassischen Ackerbau betrieb, der in höheren Lagen nicht mehr möglich war, lebten die Walser überwiegend von der Vieh- und Waldwirtschaft. Ein nicht unerheblicher Teil des Einkommens stammte aus Handel und Transport. Daher errichteten die Walser auch ein Netz guter Verbindungswege, von denen der GTA-Wanderer auch heute noch profitiert. Ab dem 18. Jahrhundert waren dann besondere handwerkliche Kenntnisse der Walser gefragt, so zum Beispiel die Verarbeitung von Stuck und Stuckmarmor. In der Folge verließen die Männer oft für den ganzen Sommer ihre Dörfer, um in den italienischen Städten zu arbeiten. Manche fanden auch Anstellungen in München oder sogar in St. Petersburg. Die ganze landwirtschaftliche Arbeit daheim, inklusive der Wegebautätigkeit, blieb an den Frauen hängen. Besonders in Erinnerung ist mir ein Foto aus einer Ausstellung in Pedemonte, auf dem Frauen als Lastenträgerinnen für Hochtouristen deren Bergausrüstung in riesigen Kiepen auf den Berg tragen, während die Herren Touristen entspannt hintendrein wanderten.

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Berühmt ist die Unterkunft in Rimella für ihre Verpflegung. Drei Stunden zelebrieren wir das Essen, immer wieder kommt eine Vorspeise, mal ein besonderer Käse, dann wieder selbst gemachte Ravioli oder Salami und Schinken aus dem Tal. Das Gefühl nach einem langen Wandertag ohne Reue nach Herzenslust essen zu können – und dann auch noch in dieser Qualität – gibt der Wanderung auf der GTA noch einmal eine ganz besondere Note.

Am vierten Tag wird es etwas später, denn das erstklassige Frühstück wollen wir nicht hinten lassen. So ist es bereits 9 Uhr, als wir den Bise Rosso auf einer Hängebrücke überschreiten. Überall führen die Materialseilbahnen zu den Weilern am unglaublich steilen Gegenhang. Es ist uns absolut nicht klar, warum Menschen hier Dörfer anlegten. Noch heute führen keine Straßen hierher und daher sind die meisten Orte auch komplett verlassen. Anders in La Res. Dort wird sogar die Kapelle wieder neu mit den üblichen Steinplatten gedeckt. Am Vortag haben wir vom Gegenhang aus beobachtet, wie der Hubschrauber die Platten absetzte. Die Arbeiter werkelten mit Hochdruck, weil Kirchweih kurz bevorsteht. Es war ein Genuss zu sehen, wie jeder Schlag auf die mächtigen Platten sitzt und immer genau das richtige Stück abbricht, damit sich die Platte perfekt in das Dach einfügt. Wer ko, der ko!

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Im Tal des Mastallone angekommen, müssen wir für ein paar Kilometer die Teerstraße benutzen, aber es ist einer der wenigen asphaltierten Abschnitte dieses Jahres.. In der Tat werden wir erst am letzten Tag Almwirtschaftsstraßen sehen. Wenn ich dagegen an unsere von Forst- und Almstraßen geradezu überzogenen bayerischen und österreichischen Alpen denke, ist das schon ein Riesenunterschied. Natürlich ist auch mir klar, dass die Almen bei uns sonst nicht mehr bewirtschaftet würden, aber das Beispiel Piemont zeigt, dass es auch mit mehr Zurückhaltung gehen könnte. Ein letzter und langer Anstieg durch den wilden Talschluss führt hinauf zur Alpe Barranca. In den 1990er-Jahren wäre die Alm beinahe Opfer eines Bergsturzes geworden. Die riesigen Felsblöcke kamen direkt hinter der Hütte zum Stehen. Dicker kam es dann 2014, als die Alm bis auf die Grundmauern abbrannte. Nur durch die Unterstützung eines Vereins konnten Alda und ihr Mann die Hütte wiederaufbauen und der Stützpunkt steht weiterhin zur Verfügung.

Für das Abendessen in der Alpe Barranca steht genau ein Menü zur Auswahl. Erleichtert, dass uns keine große Speisekarte das Leben schwer macht, lehnen wir uns auf der Terrasse zurück und trinken noch einen Milchkaffee. Und wie nicht anders erwartet, ist das Essen wieder mal eine Wucht. Gegessen wird wie immer gemeinsam an einem Tisch.

Inzwischen haben wir einige nette Leute kennengelernt, die wir jeden Abend wieder in der Unterkunft treffen. Meist hat man ja wenig Alternativen. Es ist schon interessant wer sich aus welchen Gründen auf den Weg gemacht hat. Da ist Cory, bereits seit drei Monaten unterwegs und von Wien aus gestartet zur klassischen Alpendurchquerung. Oder die Paare aus Mainz und Frankfurt: Eigentlich typische Flachländer, die irgendwie von diesem Weg erfahren haben und neugierig geworden sind. Nun schinden sie sich ganz ordentlich auf den Etappen, aber die Begeisterung ist riesengroß – okay, auch die Ahnungslosigkeit … Es ist gut, dass das Wetter stabil ist und sich die alpinen Gefahren in Grenzen halten. Wir erzählen ihnen von den Gumpen, in denen wir an diesem sehr heißen Nachmittag gebadet haben. Natürlich ist ihnen das Wort kein Begriff und wir versprechen ihnen, dass sie eine Gumpe erkennen, wenn sie daran vorbeikommen. Am nächsten Tag erzählen sie uns dann strahlend, dass sie zum ersten Mal in einer Gumpe gebadet haben. Oder die Biobäuerin aus dem Schwarzwald, die nach Jahren voller Arbeit, in denen sie den Hof in Schwung gebracht hat, den ersten längeren Urlaub macht und jeden Schritt einfach nur genießt.

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Am nächsten Morgen sind wir wie üblich die ersten vor der Hütte. Perfekt angelegt führt der alte Saumweg hinauf zum Lago Barranca, in dem sich die Berge im ersten Sonnenlicht spiegeln. Auf dieser Hochfläche hat sich der Traktoren- und Autofabrikant Vincenzo Lancia Anfang des 20. Jahrhunderts seinen Traum von Einsamkeit erfüllt. Auf einem Absatz über dem See errichtete er die Villa Aprilia, die mich in ihrer Fremdartigkeit in dieser Landschaft ein wenig an das Schachenhaus erinnert. Leider stehen nur noch einige Mauern, denn deutsche Soldaten sprengten die Gebäude 1944, weil sie darin einen Partisanenunterschlupf vermuteten.

Lange zieht sich dann der Weg am Hang entlang, bis der Colle d‘Egua erreicht ist. Zum ersten Mal hüllt uns heute der bereits bekannte Hangnebel ein und es ist vorbei mit den fantastischen Aussichten der letzten Tage. Schade, denn auch hier soll die Sicht auf den Monte Rosa nochmal besonders schön sein. Dennoch lasse ich es mir nicht nehmen, noch auf den Gipfel des Il Cimone zu steigen. Nur wenige Steinmänner und eine schwache Pfadspur weisen den Weg durch das felsige Gelände und über den Grat. Im Abstieg kehren wir noch auf dem Rifugio Boffalora ein. Es dauert ungefähr 15 Minuten, bis die Kollegen auf der Hütte verstehen, dass wir ein Bier, zwei Cappuccino und zwei Kuchen wollen. Bier und Cappuccino geht offenbar überhaupt nicht zusammen. Gerade ist das Mittagessen fertig und aus dem Tal sind viele Wanderer gekommen. Wie üblich wird aus einem Topf serviert und unsere Mitwanderer werden vertröstet, bis alle die reserviert haben, verköstigt sind. Zum Glück bleibt noch einiges für sie übrig. Bei uns hätte ein Hüttenwirt wohl schnell einen sehr schlechten Ruf, wenn er zur Mittagszeit seine Gäste nicht verköstigen könnte. Allerdings werden viele der Hütten im Piemont abwechselnd von Vereinsmitgliedern betreut. Knapp 1000 Höhenmeter tiefer erreichen wir dann Carcoforo. Unglaublich nah sind hier die Häuser zusammengebaut, denn jeder Meter der umliegenden Ebene sollte als Weidefläche genutzt werden. Heute ist man da großzügiger, denn ein asphaltierter Parkplatz fast in der gleichen Größe wie das Dorf "verschönert" das Landschaftsbild.

Über den Colle del Termo erreichen wir tags darauf Rima. Ein kurzer Abstecher führt uns vom Grat auf die Cima Trasinera. Einige der Gipfel hier sind im wahrsten Sinne des Wortes "beschissen", denn die vielen Schafe düngen den Gipfel so, dass man sich nirgendwo hinsetzen kann, geschweige denn mag. In Rima übernachten wir wieder einmal in einem Posto Tappa. Das alte Walserhaus ist fast schon luxuriös renoviert. Vor der Unterkunft passieren wir den Kirchturm der Pfarrkirche von Rima. In gut sechs bis acht Metern Höhe befinden sich Markierungen, die die maximalen Schneehöhen aus den Jahren 1845 und 1888 anzeigen. Rima war Zentrum der Stuckateure und Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts eine wohlhabende Gemeinde. Große Gebäude künden auf einem Spaziergang durch die Straßen von der einstigen Bedeutung.

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Der Wetterbericht kündigt für mindestens zwei Tage eine Störung an. Um den Regenfällen zumindest für diesen Tag noch zu entkommen, starten wir sehr früh in Richtung Colle Mud. Am Anfang scheint noch die Sonne, während wir an verfallenen Almen vorbei höher steigen. Hier ist das Almgelände weniger günstig, sodass die Almen bereits lange aufgegeben wurden. Nur in den Zeiten des höchsten Bevölkerungsdrucks wurden sie bewirtschaftet. Kurz vor dem Übergang kommt ein kalter Wind auf und es beginnt zu regnen. Da kommt das Rifugio Ferioli gleich hinter der Passhöhe gerade recht. Die zwei Vereinskollegen, die in dieser Woche die Hütte bewirtschaften, lassen uns in der Küche sitzen, weil sie dort gerade eingeheizt haben, und servieren uns einen großen Milchkaffee mit Aprikosenkuchen. Viele der Hütten sind in alten Almgebäuden untergebracht und hier ist die Hütte auf zwei Gebäude verteilt. Küche, Vorrats- und Schlaflager der Belegschaft in einer Alm, Speiseraum und Lager in einer anderen. Beim Servieren muss der Wirt immer aus dem Haus!

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Der steile, nasse Abstieg im Regen ins Valsesia erfordert einige Aufmerksamkeit und wir sind ja nun auch wahrlich nicht durch solche Dinge wie Aussicht abgelenkt. Hier bewähren sich unsere Bergregenschirme. Eigentlich wollten wir ja bis nach San Antonio durchgehen, aber die darauf folgende Etappe soll eine der schönsten sein, und da immer noch Regen für den Folgetag angesagt ist, beschließen wir, die Etappe aufzuteilen und auf besseres Wetter am übernächsten Tag zu hoffen. So beenden wir den Tag bereits um die Mittagszeit in Pedemonte und mieten uns sehr luxuriös ein. Am Nachmittag besuchen wir noch das örtliche Walsermuseum. Unglaublich, wie zweckgerecht und doch ästhetisch die Häuser gebaut wurden, auch wenn der romantisierende Blick nicht über die Härten hinwegtäuschen darf. Die Stube war im Keller direkt neben dem Stall untergebracht, getrennt nur durch eine halbhohe Bretterwand. So profitierten die Bewohner von der Wärme der Kühe. Dort wurden Web-, Strick- und Spitzenarbeiten in einer Feinheit angefertigt, die angesichts der damaligen Beleuchtungsmöglichkeiten kaum vorstellbar ist.

Alle Räume waren ausschließlich von außen erreichbar. Rund um jeden Stock lief ein breiter Balkon und auf der Außenseite befand sich ein Holzspalier, auf dem Gras und Getreide zum Trocknen aufgehängt werden konnte. Im ersten Stock waren die Schlafkammern und die Werkstätten untergebracht. Jedes Haus war für sich völlig autark. Alle Werkzeuge für Holz- Metall-, Leder und Stoffverarbeitung beziehungsweise. Herstellung waren vorhanden. Den obersten Stock bildete eine durchgehende, große Vorratskammer. Eine Heizmöglichkeit gab es ausschließlich in der Küche.

Das Valsesia ist ja durch die Nähe zum Monte Rosa touristisch stark erschlossen und fällt insofern etwas aus dem Rahmen. Alagna ist rein touristisch, ein Hotel reiht sich an das nächste, auch wenn der Ortskern noch einige schöne Häuser zu bieten hat. Wir kaufen in einem kleinen Laden ein und erfreuen uns an dem Schild mit der deutschen Aufschrift „VERLASSEN DER RUCKSACK BERG“. Der durchgestrichene Rucksack darüber macht uns schnell klar, dass wir die Rucksäcke nicht mit in den Laden nehmen sollen.

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Da wir ja nun an diesem Tag Zeit haben, spricht nichts gegen den kleinen Umweg über den Sentiero del Arte. Er führt über mehrere Weiler immer hoch über dem Val Vogna bis zur Kapelle San Grato. Dort kann man in einem liebevoll renovierten Walserhaus übernachten. Wir hatten am Abend vorher angerufen, aber leider war alles reserviert. Doch da wir Zeit haben, wandern wir ganz ins Tal hinein, auch auf die Gefahr hin, wieder ein paar Kilometer zu einer anderen Unterkunft zurücklaufen zu müssen. Die Spekulation geht auf: Weil ein paar Gäste absagen, können wir in dem wunderschönen Quartier übernachten. Gegen Abend klart es auf und die Zuversicht für den nächsten Tag wächst.

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Eine lange Etappe steht uns heute bevor, und wir sind froh, dass die Wirtin kein Problem damit hat, uns das Frühstück um sechs Uhr zu servieren. Noch vor Sonnenaufgang sind wir unterwegs in Richtung Rifugio Rivetti, vorbei an der bereits erwähnten Alpe Maccagno, über den Colle Lazoney und den Colle della Mologna grande erreichen wir bei einsetzendem Regen die Hütte. Es ist Sonntag und die Unterkunft mehr als brechend voll, denn gerade ist ein Berglauf zu Ende gegangen, dessen Ziel die Hütte war. Wie in Italien üblich wird mit großer Begeisterung und Lautstärke gefeiert. Die Hüttenbelegschaft ist bester Laune und feiert kräftig mit. Doch schon eine halbe Stunde später ist der Gastraum fast leer und bereits wieder gereinigt und wir machen es uns gemütlich.

Von der Hütte aus ist die Punta Tre Vescovi in knapp einer Stunde zu erreichen. Daher will ich vor Sonnenaufgang auf den Gipfel gehen und hoffe auf einen schönen Sonnenaufgang. Als ich aber noch im Finstern vor der Hütte stehe, blinken keine Sternchen vom Himmel, sondern Wolken und Nebel verhüllt alles. Also wieder in den Schlafsack gekrochen. Eine gute Stunde später bietet sich ein anderer Anblick. Es gibt viele aufgelockerte Stellen und wir beschließen, doch vor dem Frühstück noch auf den Gipfel zu gehen. Eine feine Stimmung erwartet uns dort und wir lassen uns gute 30 Minuten Zeit, bevor wir leicht durchgefroren den Rückweg zum Milchkaffee auf der Hütte antreten. Der Hüttenwirt ist sehr entgegenkommend und nett. Wir haben das Gefühl, dass er seine Arbeit sehr liebt.

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Dann treten wir den weiten Weg ins Tal an. Dort angekommen haben wir bereits 1400 Höhenmeter im Abstieg und 400 im Aufstieg in den Beinen. Nun müssen wir uns entscheiden, ob wir zwei Kilometer auf der Straße gehen und dann den Abzweig nach San Giovanni, unserem heutigen Ziel, nehmen, oder aber auf der Originalroute 600 Höhenmeter aufsteigen zur Wallfahrtskapelle Madonna della Neve und auf der anderen Seite 800 Höhenmeter wieder runter, um dort die Abzweigung zu erreichen. Das Wetter scheint zu halten, daher machen wir uns auf den Weg zur Wallfahrtskapelle, der anfänglich durch dichten Kastanienwald vorbei an vielen verlassenen Häusern, später dann über große Geröllfelder im Wechsel mit Birkenwälder auf den grasigen Gipfel führt. Die Kirche ist nicht besonders reizvoll, aber der Blick bis hinaus in die Ebene und zurück zur Punta Tre Vescovi lädt uns doch zu einer längeren Rast ein. Ein letzter Hatsch über drei Kilometer bringt uns dann auf dem ehemaligen Pilgerweg zum Kloster San Giovanni, in dem unsere Unterkunft ist. Das war heute ein sehr ausgiebiger Tag mit gut 2200 Höhenmetern im Abstieg und 1600 im Aufstieg. Daher sind wir auch richtig froh, als uns am Klostertor ein Schild mit der Aufschrift "Aperto" und den Namen italienischer Köstlichkeiten begrüßt. Die Ernüchterung folgt ein paar Meter weiter, denn am Eingang zum Restaurant mit Posto Tappa hängt ein Schild: Chiuso!

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Gut, es wäre keine Katastrophe. Wir haben Schlafsack und Matte dabei, Brotzeit ist auch noch etwas da und Toiletten und Wasser gibt es im Kloster. Anfängliche Gedanken, zum nächsten Quartier weiterzugehen verwerfen wir bald. Es ist schon halb fünf und Lust haben wir wirklich keine mehr heute. Dann kommt ein Auto, und die Dame, die hervorragend Englisch spricht, sagt uns, dass der Wirt vor einer Stunde noch da gewesen und sicher nur zum Einkaufen gegangen sei. Zwei Stunden später kommt die Dame erneut mit dem Auto vorbei und verspricht, den Wirt von zuhause aus anzurufen. Wir sitzen immer noch vor der Restauranttür, mittlerweile zu acht. Einige haben reserviert und eine Bestätigung. Die meisten haben keinen Schlafsack und betrachten die Situation deutlich weniger entspannt als wir. Inzwischen ist es sieben Uhr, viel Tageslicht bleibt nicht mehr, um ein anderes Quartier zu erreichen. Ein weiteres Auto kommt und der Herr schüttelt ungläubig den Kopf. Er hat ein Handy, das funktioniert und auch die richtige Telefonnummer des Wirts. Kurze Zeit später ist klargestellt, dass dieser tatsächlich die Reservierungen vergessen hat und sich einen gemütlichen Abend machen will. Als er dann um halb acht eintrifft, ist er nicht bester Laune und wir haben schon einige Bedenken, wie das werden soll. Aber eine Stunde später steht ein perfektes Vier-Gänge-Abendessen vor uns und alles Ungemach ist vergessen.

Das riesige Klostergebäude scheint völlig verlassen zu sein. Wir haben die freie Wahl zwischen 100 Betten. Also gönnen wir uns den Luxus, dass jede Gruppe ein eigenes Zimmer bezieht.

Die Sonne trifft gerade die Kirche, als wir am nächsten Tag aufbrechen. Wir wollen zwei Etappen zusammenfassen, beziehungsweise etwas anders strukturieren, da der Wetterbericht immer am Vormittag gutes Wetter verspricht, dann aber rasch aufziehende Hangnebel. Zuerst entscheiden wir uns, auf dem flachen Pilgerweg der Stille rund um den Berg nach Oropa, einem der größten Marienwallfahrtsorte in den Alpen, zu gehen, anstatt die vom „Erfinder“ der GTA, Werner Bätzing, angegebene Originalroute über den Pass, denn hier müssten wir längere Zeit die Teerstraße benutzen. In ziemlich rascher Gangart machen wir uns auf den Weg, aber immer, wenn wir meinen, dass sich der Weg nun um den Berg wendet, taucht wieder nur eine neue Einbuchtung auf. So wird es doch zehn Uhr bis wir Oropa erreichen. Allerdings genießen wir von vorne kommend einen imposanten Blick auf die dreistufige, riesige Klosteranlage. Wer nur auf die Idee kommt, in diesen Talschluss so eine riesen Anlage zu bauen?

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Die Hauptkirche ist leider wegen Renovierungsarbeiten geschlossen und in der alten Basilika, in der das Heiligtum der Schwarzen Madonna (welche auch sonst?) zu finden ist, wird gerade eine Messe gefeiert, bei der wir nicht stören wollen. So kaufen wir nur etwas Wurst und Käse und machen uns bald wieder auf den heißen Aufstieg zur Seilbahnstation Oropa Sport.

Der Rother-Führer schlägt hier die Benutzung der Seilbahn vor, aber das wollen wir eigentlich nicht. Daher werden wir auch die dann folgende Etappe beim Rifugio Coda unterbrechen und dort noch eine Nacht verbringen. Schon im Aufstieg zieht es zu und das spannende und aussichtsreiche Stück Höhenwanderung zur Hütte, die auf über 2280 Meter liegt, versteckt sich in eintönigem Grau und der Weg zieht sich. Gut, dass wir eine Bekannte von den letzten Etappen treffen, denn ratschend vergeht die Zeit dann doch. Erst kurz vor der Hütte beginnt es aufzuklaren und schnell stellt sich heraus, dass wir eine gute Entscheidung getroffen haben. Der Blick über 2000 Höhenmeter hinunter in die beleuchtete Poebene ist beeindruckend. Am nächsten Tag dann Aufstehen vor Sonnenaufgang und ein paar Meter bis zum Gipfel der Punta di Sella, von wo sich der Blick nach Norden und Westen über Monte Rosa, Matterhorn und Montblanc bis zum Grand Paradiso spannt.

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Auch die letzte Strecke werden wir nicht dem Originalweg folgen, der zum Teil die Flanken quert und dann rasch in ein Tal abbiegt, das hinunter nach Quincinetto führt, denn es gibt einen durchgehenden Weg den Grat entlang bis zum Gipfel des Mombarone mit der imposanten Christusstatue, die man bereits von der Hütte aus erkennen kann. Eine größere Gruppe hat sich uns angeschlossen und einige in der Gruppe sind ganz froh, dass ein „Bergführer“ (auch wenn ich immer sage, dass das ein Riesenunterschied ist zum Fachübungsleiter) dabei ist, denn die Beschreibung im Rother spricht von Kletterstellen und Seilversicherungen. Ganz so wild wird es wirklich nicht, auch wenn einige Stellen recht exponiert sind und bei Nässe die Seilsicherung bestimmt angenehm. So wandern wir aber begeistert von der Aussicht immer Richtung Westen. Von der Poebene herauf wabern Nebelfetzen, die sich aber nach Norden hin rasch auflösen und die Sicht auf die Viertausender nicht versperren. Ein letztes Mal sehen wir noch einige Adler aufsteigen und mit der Thermik spielen.

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Nach einem Kaffee auf der Hütte knapp unter dem Gipfel des Mombarone stehen uns 2200 Meter Abstieg hinunter ins Tal der Dora Baltea bevor. Da wir gut durchgekommen sind und keine Eile haben, unterbrechen wir den Schlauch noch für eine Übernachtung im Agriturismo Belvedere, das seinen Namen zu 100 Prozent verdient. Wie eine Insel außerhalb der Zeit liegt das Agriturismo auf 1400 Meter Höhe über dem Tal. Und wieder einmal ist das Essen unglaublich, genauso wie die Freundlichkeit der Wirtin. Einen großen Ranken des selbstgemachten Käses nehmen wir uns noch mit, bevor wir am letzten Tag den Abstieg ins lärmige Aostatal antreten.

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Der letzte Abstieg ist sehr anstrengend und fast die gefährlichste Etappe der ganzen Tour, denn die uralten, gepflasterten Wege haben Moos angesetzt, das leichter Sprühregen am Morgen in eine Rutschbahn verwandelt hat. Volle Konzentration und Anspannung der Muskulatur ist gefragt, als wir uns nach unten tasten nach Quincinetto, wo wir vor fünf Jahren zu den ersten Etappen aufgebrochen waren. Die Heimreise mit der Bahn klappt dann wie am Schnürchen und nach elf Tagen Wandern kann man auch mal gelassen die Füße hochlegen.

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