Grande Traversata delle Alpi
Teil I, August 2017

von Markus Tiefenthaler

Gleich vorweg geschickt: Es kann, muss sich hier aber nicht um eine Geschichte mit Fortsetzungen handeln.

GTA

Die Grande Traversata delle Alpi, kurz GTA, erstmals 1986 von Werner Bätzing in einem zweiteiligen Führerwerk beschrieben, führt über 1000 km vom Nufenen Pass immer entlang der italienisch-schweizerischen Grenze im Piemont bis ans Meer nach Ventimiglia. Die Idee zu dieser Weitwanderung entstand in den 70er Jahren in Turin aus dem Bedürfnis, für die Bevölkerung in den aussterbenden Alpentälern entlang der Route eine Möglichkeit zum Broterwerb zu schaffen, nachdem die Landwirtschaft in den hochgelegenen Tälern oft keine Überlebensmöglichkeit mehr bot. Dennoch sollte diese uralte Kulturlandschaft erhalten bleiben. Nach Bätzing sind die Alpen ja kein Naturraum, sondern ein vom Menschen geschaffener Lebensraum. Die Vielfalt der Pflanzen und Lebensformen wurde ermöglicht durch den Einfluss der Rodung und Beweidung. In den ursprünglich vorhandenen Wäldern hätten wesentlich weniger Pflanzen eine Lebensmöglichkeit gefunden. Daher wandern wir überall in den Bergen der Alpen kaum mehr in einem natürlichen Lebensraum, und dies völlig unabhängig von den neuzeitlichen  Errungenschaften  wie Liftbetrieben und Funparks.

Gerade das italienische Piemont mit einem deutlich milderen Klima wie auf der Nordseite der Alpen, erlaubt eine dauerhafte Bewirtschaftung und Besiedelung in Höhen bis an die 2000-Meter-Grenze. Almen finden sich bis auf über 2400 Meter. Erste Besiedelungsspuren datieren zurück bis auf das Jahr 5500 v. Chr. und um 1000n. Chr. war die Gegend bereits sehr dicht besiedelt, da sowohl die Verhältnisse für die Landwirtschaft günstig waren, als auch Bodenschätze abgebaut und verarbeitet wurden und nicht zuletzt der Handel über die Alpenpässe eine lukrative Einnahmequelle war. Im ausgehenden Mittelalter (13. und 14. Jahrhundert) erfolgte dann eine weitere Besiedelung aus dem schweizerischen Wallis durch Deutsch sprechende Walliser, die Jahrhundertelang für eine enge Verflechtung über die Grenzen hinweg sorgten. Noch heute finden sich wenige Reste deutschsprachiger Gemeinden in dem Gebiet.

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Die beginnende Industrialisierung aber führte zu einer massiven Abwanderung der Bevölkerung. Manche Gemeinden büßten 90%, ja sogar bis zu 100% ihrer Einwohner ein. Leere Dörfer und Weiler und eine verfallende Infrastruktur waren die Folge. In den Bergen selbst begannen die Almen zu verbuschen und die Wege zu verwachsen. Die GTA sollte durch gezielte Förderung der Übernachtung in den Dörfern in einfachen Unterkünften und Verpflegung der Wanderer vor Ort eine Einkommensquelle schaffen und auch jüngeren Leuten einen Verbleib ermöglichen. Soweit dies heute, fast 50 Jahre nach den ersten Überlegungen, beurteilt werden kann, war die Geschichte ein Erfolg, besonders auch, weil in den letzten Jahren die Idee der Weitwanderung wieder deutlich mehr Menschen anspricht als Ende der 90er und Anfang der 2000er Jahre, besonders im deutschen Sprachraum.

Soweit also die Vorerklärungen. In gewisser Weise hatte uns ein erster Besuch im Piemont bereits 2012, als wir einige Etappen der GTA mit den Kindern gegangen waren, infiziert. Immer wieder haben andere Urlaubspläne den Gedanken GTA in den Hintergrund geschoben, aber er war immer da. In diesem Jahr haben wir nun den Einstieg gepackt und sind 11 Etappen vom Nufenenpass bis nach Villadossola gewandert. Technisch ist die GTA für einen trittsicheren Bergsteiger eine einfache Angelegenheit und wer nur nach Gipfeln strebt, wird nicht recht glücklich werden, denn fast alle Gipfel müssen als Zusatz ins Programm aufgenommen werden. Wer aber großzügige Überschreitungen, wechselnde Ausblicke und (oft) extrem ruhige Wege liebt, der ist auf der GTA gut aufgehoben. Für uns der einzige Wermutstropfen ist die lange Anreise, so dass mindestens 8 Tage Zeit sein sollten, damit sich der Aufwand rentiert.

GTA

Da alle diese Voraussetzungen bei uns im August 2017 zusammentrafen, kurbelten wir bei strömendem Regen am 19.08 von Rosenheim in die Schweiz. Wir hatten die Route über Engadin, Julier, Albula und Splügen nach Airolo der eintönigen Kilometerfresserei auf der Autobahn vorgezogen. Je weiter wir nach Westen kamen, um so freundlicher wurde das Wetter und in Airolo schien die Sonne von einem wolkenlosen Himmel (zeitgleich fegte der Sturm am Chiemsee das Musik-Festival hinweg). Dank der guten Infrastruktur des Personennahverkehrs (die natürlich ihren Preis hat), konnten wir schon bald einen Postbus besteigen, der uns auf den Nufenenpass brachte. Die Wanderung konnte beginnen. Da wir vorhatten, bei Gelegenheit im Freien zu übernachten und wegen fehlender Reservierungen vielleicht auch dazu gezwungen wären, hatten wir Schlafsack und Isomatte dabei, so dass unsere Rucksäcke ein gerade noch komfortables Gewicht von 15 Kilo aufwiesen. Ein nicht unerheblicher Teil davon war Brotzeit für die ersten 4 Tage. Diese ersten 11 Etappen ab Nufenen werden von Bätzing noch als Zustieg zum GTA bezeichnet, weil die eigentliche Wegführung ursprünglich ab dem Lago Maggiore bis nach Madonna della Gurva führte. Dieser Teil ist aber nicht mehr gut markiert und in Stand gehalten, so dass der Start in Nufenen die heute gebräuchliche Wegführung darstellt und im Rother Wanderführer auch beschrieben ist. Wie gesagt, das Wetter war herrlich, aber ein strammer und kalter Nordwind begleitete uns in den nächsten Tagen, der uns neben einigem Klappern in der Kälte auch eine hervorragende Fernsicht bescherte.

GTA

Da es bereits nach Mittag geworden war, marschierten wir unverzüglich los in Richtung der weithin sichtbaren Windkraftanlagen am Griessee. Die meisten großen Seen der nächsten Tage waren Stauseen zur Energiegewinnung. Bereits in den ersten Jahren des letzten Jahrhunderts hatte der steigende Energiehunger der Großstadt Turin zum Bau von Staudämmen und Anlagen bis auf über 2700 Meter Meereshöhe geführt. Nur die Gletscher boten dem Bau der Anlagen Halt. So wurden Tatsachen geschaffen, die noch heute das Landschaftsbild stark beeinflussen. Nur in wenigen Bereichen war der regionale Widerstand der Bevölkerung so stark, dass der Bau verhindert werden konnte. Andererseits ist ja die Energiegewinnung aus Wasserkraft so schlecht wieder nicht, ein echtes Dilemma in dem man sich hier als Bergsteiger und Naturfreund befindet. Und hat man die Staumauer einmal passiert, so kann man der tollen Farbe der Seen durchaus einen gewissen Reiz nicht absprechen.

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Zum Eingehen ist eine etwas gemütlichere Etappe vorgesehen, die über 600 HM Aufstieg und 680 HM Abstieg vom Nufenenpass über den Griesspass auf italienisches Gebiet und weiter über die Alpe Bättelmatt zum Rifugio Città di Busto führt. Immer im Blick dabei der Griessgletscher und das 3374 Meter hohe Blinnenhorn. Der Wirt auf der Hütte verzog etwas das Gesicht, als wir ohne Reservierung an seiner Schank standen, aber es klappte dann doch mit der Übernachtung und dem Abendessen. Im Gegensatz zu den ersten Etappen 2012 machten wir schnell die Erfahrung, dass in dem Gebiet deutlich mehr Wanderer unterwegs waren. Eine Begehung in einer größeren Gruppe ohne Reservierung könnte zu Problemen führen. Und bei Temperaturen nahe der 0 Grad Grenze war ein Freilager nicht sehr erstrebenswert. Wie auf fast allen Hütten in der Folge war die Bewirtschaftung gut und die Hüttenwirte sehr freundlich und hilfsbereit. Um es nochmal zu sagen: diese ersten Etappen unterscheiden sich von den weiteren insofern, als es eigentlich Ziel der GTA ist, im Tal zu übernachten und Hütten zu meiden, da diese ja eine eigene Infrastrukturunterstützung über die Alpenvereine haben. Zu empfehlen ist an dieser Stelle eine erste Übernachtung auf der Cap. Corno-Gries und dann weiter direkt zum Rif. Margaroli, da der Einstieg über den Stausee wegen Steinschlaggefahr offiziell gesperrt ist.

Bereits am ersten Tag fielen uns die in diesem Bereich sehr schroffen Gipfelbereiche auf. Kaum einer der Berge hier bietet einen einfachen Zustieg. Grund hierfür ist das langsam verwitternde Kristallin, aus dem die Berge hier aufgebaut sind. Aber gut anzuschauen sind die Grate, Türme und Spitzen allemal. Genauso wie die zahlreichen, natürlichen Seen, Bäche und Wasserfälle. Und trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit standen noch viele Blumen in voller Blüte. Die Artenvielfalt war beeindruckend und auch seltenere Arten konnten entdeckt werden, so der prächtige Hauswurz.

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Zeitig am Morgen der Start in die nächste Etappe. Obwohl: allzu früh ist ein Aufbruch nicht möglich, will man auf die Annehmlichkeit des Frühstücks nicht verzichten, denn vor 7:00 Uhr ist in den Hütten nichts zu bekommen. Na ja, manchmal wäre der Verzicht kein großer Unterschied zum italienischen Frühstück gewesen.

Wie in den folgenden Tagen öfter begann der Tag mit einem längeren Abstieg, diesmal zum Stausee Lago di Morasco, der umrundet wurde, bevor wir wieder aufstiegen zum Passo di Nefelghiu. Hier hatten wir unser Tagesziel schon vor Augen, den Lago Vannino und das Rifugio Margaroli. Die Scharte erreichte eine Höhe von 2583m und wird umrahmt von knapp 3000 Meter hohen Gipfeln. In beide Richtungen rauschten Bäche zu Tal und füllten die Stauseen. Üppige Blumenpracht entfaltete sich entlang der Ränder. Plötzlich begannen die Murmeltiere der Reihe nach zu warnen und wenige Sekunden später zog knapp unter uns ein Adler den Talkessel entlang. Aber bevor ich noch reagieren konnte und den Fotoapparat aus der Tasche hatte, war er bereits wieder verschwunden. Nach der Welle von Pfiffen wusste er, dass hier für ihn nichts mehr zu holen war. In den nächsten Tagen konnten wir aber immer wieder Adler beobachten, wenn auch meist in großer Entfernung. Und völlig klar ist: Bergsteigen und Tierfotografie vertragen sich nicht wirklich.

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Weiter ging es in den folgenden Tagen über die Scatta Minoia zur Alpe Devero und dann über den Passo di Valtendra zur Alpe Veglia. Beide Almen sind seit hunderten von Jahren bewirtschaftet und teilen sich auf mehrere kleine Almsiedlungen auf. Im Bereich der Alpe Veglia wurden zu den Hochzeiten über 1000 Rinder gehütet, heute sind es noch ca. 150. An die Stelle der Viehhaltung ist der Tourismus als Einnahmequelle getreten. Während die Alpe Devero mit dem Auto allgemein erreichbar ist, muss man zur Alpe Veglia einen Fußweg von mindestens 1 Std. in Kauf nehmen. Daher wird die Alpe Devero zunehmend mit Ferienhäusern bebaut, auch Hotels und einen Campingplatz findet man dort. All dies fehlte auf der Alpe Veglia. Dennoch ist anzunehmen, dass beide Standort nun wieder ein gutes Auskommen bieten. Vor der Alpe Devero hatten wir eine kleine Variante eingebaut, indem wir den Weg über mehrere Almen weit oberhalb des Lago di Devero dem Weg am Stausee entlang vorzogen. Eine gute Wahl aus unserer Sicht.

Kurz vor der Alpe Veglia bauten wir einen weiteren kleinen Umweg über den Lago Bianco ein. Während wir noch vor dem Pass immer im dichten Hangnebel unterwegs waren, trübte seither keine Wolke mehr den Himmel und der Anblick des 3500 Meter hohen Monte Leone mit seiner steilen Nordost-Seite über der Alp war den Umweg wohl wert. Angekommen an der Alpe Veglia auf dem Refugio Citta di Arona zuerst wieder Gejammere, weil wir nicht reserviert hatten. Die Hütte sei total voll und überhaupt könne er noch gar nichts sagen. Wir übten uns also in Geduld, konnten uns aber die Wartezeit nicht mal mit einem Cappo verkürzen, weil der Wirt völlig den Überblick verloren hatte. Erst nach einer Stunde die Info, dass es vielleicht gehen könnte. Wir bekamen ein Quartier in einem Zimmer mit 12 Lagern zugewiesen und waren am Ende des Tages völlig alleine darin. Nun gut. Dafür gab es als Nachspeise wunderbaren Joghurt mit erntefrischen Heidelbeeren direkt von der Alm nebenan.

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Für die nächsten Tage war nun die Entscheidung zu treffen, ob wir auf der Bätzing-Route in Italien bleiben, oder die Variante aus dem Rother weitergehen sollten, die uns für 2 Tage in die Schweiz führen würde. Wir haben uns für das Letztere entschieden, wobei sich die Entscheidung insgesamt als gut herausgestellt hat, auch wenn sie tiefe Spuren in unserem Urlaubsbudget hinterlassen hat. Grund dafür war die etwas günstigere Aufteilung der Tagesetappen, wir hatten hier die Möglichkeit einen quasi Ruhetag mit nur 3 Stunden Gehzeit einzulegen, wohingegen auf der italienischen Variante drei harte Tage mit jeweils 8-9 Stunden Gehzeit angestanden hätten. Wie wir im Nachhinein auch erfahren haben, war die Entscheidung gut, denn eine der Hütten war bereits geschlossen und das hätte uns vor einige logistische Probleme gestellt.

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Daher wanderten wir von der Alpe Veglia zuerst auf der Fahrstraße etwas bergab, bevor scharf rechts der Höhenweg zur Alpe Valle führt. Der Führer riet von der gewählten Variante ab, aber uns ersparte der Weg den Abstieg auf der Straße und bot außerdem reizvolle Ausblicke. Bei Nässe allerdings wäre einige Vorsicht angebracht. Über die Siedlung Le Balmelle führt der Weg zum Passo delle Possette. Hier trennte sich unser Weg von denjenigen, die die italienische Variante gewählt hatten. Wenn man am selben Tag loswandert, dann trifft man ja fast jeden Abend im Quartier wieder die selben Leute: das niederländische Paar mit dem Hund, die zwei Schweizerinnen, der Förster aus Frankfurt und seine Frau, die vier Ärzte aus Freiburg. Je nach Mentalität kommt man früher oder später immer mal ins Gespräch und erfährt manch interessantes über die Motivation der Menschen, diesen Weg in Angriff zu nehmen. So die junge Mona, die den ganzen Weg in einem Rutsch begehen will und eher unbeleckt von Erfahrungen mit den Gefahren und Unwägbarkeiten der Berge die Wanderung in Angriff nimmt. Bereits am dritten Tag geht sie oft nur mit ihren Teva-Sandalen, weil sie wunderbare Blasen von den neuen Schuhen hat. Aber das wird verheilen und ist so schlimm nicht. In ihrer Begleitung ein junger Engländer, der sich als Neurowissenschaftler herausstellt und an der Entwicklung von Prothesen arbeitet, die wie die natürlichen Gliedmaßen des Menschen durch Gehirnströme gesteuert werden. Einfach spannend.

Jedenfalls wanderten wir von der Passhöhe zuerst lange weit oberhalb des Simplonpasses in Richtung Norden, immer mit Blick auf die Walliser 4000er, bevor wir steil bergabstiegen auf uralten Almwirtschaftswegen hinunter nach Gondo. Gondo ist ja nun nicht gerade die Perle des Alpenraums. Wer in Gondo die Sonne sehen möchte muss sich auf den Rücken legen, so lautet das Sprichwort und entsprechend steil ragen die Felswände auf allen Seiten auf. Dazu kommt die Simplonpassstraße, die direkt durch den Ort führt. All die Lastwagen dröhnen direkt vorbei am Hotel Stockalper Turm. Nicht unbedingt eine Referenz für ein Hotel, aber dennoch ist das Quartier besonders, denn der Stockalperturm wurde von 1670 bis 1690 als Umschlagplatz für Güter über den Simplon und den Zwischbergenpass erbaut, wie uns der Hotelier erzählte. Im Schwarzen Oktober des Jahres 2000 spaltete eine Mure quasi den Ort Gondo in zwei Teile und riss mit dem alten Ortskern und der Hälfte des Stockalperturms auch 13 Menschen in den Tod. Lange wurde diskutiert, was und wie wieder aufbauen. Für den Stockalperturm wurde dann entschieden, im bewussten Gegensatz, die fehlenden Teile in moderner Architektur aus Beton und Glas zu ersetzen. So kann man nun in Zimmern schlafen, wo die eine Hälfte der Decke aus 300 Jahre alten Balken besteht und die andere Hälfte nüchterner Beton ist. Ein spannendes Konzept und wie ich finde in der Umsetzung gut gelungen. Dazu ambitionierte Küche und nette Leute und ein super Frühstück mit vielen regionalen Produkten, wir konnten uns mal wieder morgens richtig genüsslich satt essen.

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Das war auch kein Problem, denn in wenigen Stunden bummelten wir dann gemütlich auf dem alten Saumweg nach Zwischbergen. Von hier führt der Weg noch 6 Stunden weiter bis auf den Zwischbergenpass in 3270 Metern Höhe, wenig südlich des Weissmies gelegen. Erstaunlicherweise wurde dieser Übergang in früheren Tagen häufig genutzt. Der Grund dafür war die Vermeidung der horrenden Gebühren, die für den Simplonpass erhoben wurden. Übernachtet haben wir im einfachen Restaurant von Lukas Escher, der als Vorspeise Räucherfleisch und Käse von seiner Alpe Weira anbot. Wir haben uns dann gleich noch ein großes Paket für die Brotzeit der nächsten Tage mitgeben lassen.

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Dann bogen wir wieder ab nach Italien über den Tschawinersee und die Bocchetta di Gattascosa zur gleichnamigen Hütte knapp darunter. Heute wurde noch die Cima Verosso als Gipfelabstecher überschritten. Überall im Gelände fanden sich schon die Markierungen für den Berglauf, der am übernächsten Tag hier abgehalten werden sollte. Wir waren ganz froh, nicht direkt in den Trubel des "La Veia Sky Race" zu geraten. Immerhin 31 km und 2600 Höhenmeter. Bestzeit 3:07 bei den Männern und 3:44 bei den Frauen. Das erschien uns in Anbetracht des Geländes dann doch recht beeindruckend. Es hatte aber auch zur Folge, dass die nächste Hütte, das Rifugio Laghetto, mit 30 Plätzen eh schon recht klein, hoffnungslos überfüllt war. Und als dann noch eine Gruppe Schweizer Senioren mit 10 Personen, die der Hüttenwirt versehentlich eine Woche später gebucht hatte, auf dem Weg anmarschiert kam, machten sich echte Kummerfalten auf dem Gesicht des Wirts breit. Durch das Küchenfenster konnten wir sehen, wie die Fleischportionen für das Abendessen nochmal halbiert wurden, was bei uns für Kummerfalten sorgte. Aber die Hüttenbesatzung bekam alles bestens in den Griff und über das karge Mahl half der reichlich vorhandene Wein gut weg. Außerdem ist der Standort der Hütte unglaublich schön und aussichtsreich. Als dann ein Gewitter aufzog sagte der Hüttenwirt genau die Stelle voraus, an der in Kürze ein Regenbogen zu sehen sein würde. Und tatsächlich erschien wenig später genau an dieser Stelle der Regenbogen und spannte sich auf Augenhöhe aus dem Hang ins Tal und dahinter die schwarzen Wolken des abziehenden Gewitters. Wir verstanden das Schild über dem Hütteneingang "Benvenuti in Paradiso" nun doch recht gut.

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Der nächste Tag brachte wieder schönes Wetter und nach Rückfrage beim Hüttenwirt beschlossen wir, die Tagesetappe von 6 Stunden mit einem kleinen Abstecher auf den Pizzo Sraciugo auszubauen. Zu verlockend schien die Aussicht auf Aussicht. Gegenüber verlief die Kette Weissmies, Lagginhorn und Fletschhorn sowie die zentralen Gipfel der Mischabel-Gruppe und im Norden war noch immer der massige Monte Leone sichtbar. Also viele gute Gründe, 700 Höhenmeter zusätzlich zu investieren, noch dazu war auch die Wettervorhersage wieder sehr stabil für diesen Tag, nachdem es die Tage zuvor Nachmittags eher gewittrig gewesen war. Unsere Hoffnungen wurden nicht enttäuscht und mit dem zweiten Gipfel der Tour in der Tasche packten wir unsere Rucksäcke wieder auf und verfolgten den Weg mühsam über den Passo della Preja zur Alpe Cheggio mit dem Rifugio Citta di Novara und dem bisher besten Wirt. Unterhalb des Passes war uns noch eine große Schafherde mit sicher einigen hundert Schafen untergekommen. Da die Zahl der Hirten abnimmt, steigt die Herdengröße und dadurch richten die Tiere erheblich größere Trittschäden in der Masse an. Außerdem führt dies zu größeren Einträgen an Dünger. Viele der Almen in der Gegend sind ausschließlich zu Fuß zu erreichen. Erstaunlicherweise werden dennoch viele davon weiterhin regelmäßig bewirtschaftet und die Almlandschaft so erhalten. Wo die Almen aufgegeben wurden, setzt aber sofort die Verbuschung und damit die Verarmung der Wiesen ein. Sanfter Tourismus mit dem Kauf regionaler Produkte direkt vor Ort an den Almen macht nicht nur Spaß, sondern hilft auch den Almbewohnern unmittelbar.

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Zum ersten Mal stand nun nach der Alpe Cheggio ein Abstieg weit nach unten ins Antronatal bevor. Bis auf 500 Meter mussten wir hinunter, bevor der Aufstieg zur Alpe Colma wieder auf 1500 Meter hinaufführt. Ein Teil des Abstiegs führte auch hier über eine alte Mulatierra, dann aber blieben uns ein paar Kilometer auf der Asphaltstraße nicht erspart. Die anderen Mitwanderer zogen es vor, diesen Teil mit dem Bus zu überbrücken und winkten uns munter zu, als sie an uns vorbeifuhren. Die meisten haben wir aber auf den folgenden 1000 Höhemeter Aufstieg im drückend warmen Hochwald wieder überholt, bevor wir auf die freien Flächen der Alpe Colma hinaustraten. Erst seit einigen Jahren steht dieses Quartier wieder zur Verfügung. Es wird bewirtschaftet von einem Paar, das im Winter in Bologna lebt und die Saison hier auf der Alm verbringt. Die Wirtin hat uns erzählt, dass es für sie immer ein sehr trauriger Tag ist, wenn sie den Schlüssel ihrer Hütte zum letzten Mal im Jahr im Schloss herumdreht. Bei der Lage der Hütte gut zu verstehen. Allerdings hat die Hütte immer mit Wassermangel zu kämpfen und überall wiesen Schilder darauf hin, mit dem Wasser sparsam umzugehen. Am Abend gab es hausgemachte Lasagne, dazu selbst gebackenes Brot und Salat aus dem eigenen Garten. Zum ersten Mal war der Abend so mild (und die Hütte lag natürlich auch tiefer), dass wir im Freien zu Abend essen konnten. Als Abschluss feuerte der Wirte noch die letzten zwei Raketen eines früheren Festes ab und noch längere Zeit saßen wir hoch über dem Tal und sahen dem Funkeln der Sterne zu. Der Abend war so warm, dass wir beschlossen, die letzte Gelegenheit zum Schlafen im Freien zu nutzen. Wir krochen in die Schlafsäcke und konnten nach dem Löschen der Lichter und dem Untergang des Mondes die Milchstraße in voller Pracht bewundern.

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Die letzte Etappe hätte nun nach Madonna della Gurva führen sollen, aber das liegt weit hinten im Anzasca-Tal und da noch eine lange Heimfahrt auf uns wartete, zogen wir es vor, aussichtsreich zum Pizzo Castello zu wandern und von dort den langen, aber direkten Abstieg nach Villadossola anzutreten, von wo wir nach der Fahrt mit diversen Bussen und Bahnen wieder bei unserem Auto in Airolo ankamen.

Bleibt als Fazit, dass wir die nächsten Etappen für das Jahr 2018 schon wieder geplant haben. Wenn alles gut läuft, dann könnten wir in 5 Jahren Ventimiglia erreichen.


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